Auf den Spuren von Jesus: Der gute Hirte (Ezechiel 34,11-16)
Gottesdienst am 26.11.2017 in Brombach

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
heute am Ewigkeitssonntag stehen wir auf der Schwelle. Wir schauen zurück auf das Leben derer, die von uns gegangen sind. Wir schauen aber auch in die andere Richtung, auf den Himmel, aus dem Gott uns entgegenkommt und uns abholt. Es ist ein Wagnis, der Zukunft zu vertrauen und ins Unbekannte weiterzugehen.

Solche Schwellenerfahrungen gibt es öfter in der Bibel. Worte von Propheten beschrieben die Zukunft und waren wie Leuchtspuren auf Jesus hin und darüber hinaus.

Heute schauen wir die Leuchtspuren des Propheten Ezechiel an. Zunächst kommentierte Ezechiel die Vergangenheit. Die Katastrophe im 6. Jahrhundert vor Christus, die Zerstörung Jerusalems, des Tempels und die Vertreibung der Bevölkerung, lag gerade hinter ihm. Ursache war für ihn, dass die Menschen Gott verloren hatten. Sie sind den eigenen Wunschträumen nach Macht und Größe hinterhergelaufen, statt nach Gottes Willen zu fragen. Ezechiel, selbst zur Führungsschicht gehörend, wandte sich an die Einflussreichen. Sie waren von Gott als Hirten für ihre Leute berufen worden. Stattdessen hatten sie für sich selbst gesorgt. Die Schwachen und Kranken ließen sie links liegen, die Bevölkerung hatten sie misshandelt und unterdrückt.

Den Auftrag, den Gott ihnen gegeben hatte, für das Wohl der Bevölkerung zu sorgen, verdrehten sie ins Gegenteil. Die Hirten saßen in der Kneipe, während ihre Herde von wilden Tieren zerfetzt wurde. Als folgerichtige Konsequenz entließ der Eigentümer der Herde, Gott, diese unfähigen Hirten. Ein Neuanfang ist nun nötig.

Ezechiel 34,11-16
'Der HERR, der mächtige Gott, hat gesagt: Ich selbst will jetzt nach meinen Schafen sehen und mich um sie kümmern. Wie ein Hirt seine Herde wieder zusammensucht, wenn sie auseinander getrieben worden ist, so suche ich jetzt meine Schafe zusammen. Ich hole sie zurück von allen Orten, wohin sie an jenem unheilvollen Tag vertrieben wurden. Aus fremden Ländern und Völkern hole ich sie heraus; ich sammle sie und bringe sie in ihre Heimat zurück. Die Berge und Täler Israels sollen wieder ihr Weideland sein. Ich lasse sie dort auf saftigen Wiesen grasen; auf den hohen Bergen Israels sollen sie ihre Weide finden und sich lagern. Ich will selber für meine Herde sorgen und sie zu ihren Ruheplätzen führen. Das sage ich, der HERR, der mächtige Gott. Ich will die Verlorengegangenen suchen und die Versprengten zurückbringen. Ich will mich um die Verletzten und Kranken kümmern und die Fetten und Starken in Schranken halten. Ich bin ihr Hirt und sorge für sie, wie es recht ist.

Ezechiel steht auf der Schwelle und denkt an die Zukunft. Die Hirten sind entlassen, Gott selbst nimmt sich jetzt seiner Herde an. Er wird sich kümmern, sie suchen, verarzten, sie zu saftigen Weiden führen.

Ezechiel wusste noch nicht, dass Gott in seinem Sohn Jesus kommen würde, der von sich sagte: „Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen.“ 

Schafe wissen nicht, was gut für sie ist
Ein idyllisches Bild erscheint bei diesen Worten vielleicht vor unseren Augen: Jesus, der Hirte, wir, die Schafe. Aber wollen wir Schafe sein? Ein Bekannter aus der Schweiz erzählte von Schafen, die sich im Sommer bei Grindelwald immer hoch auf die Berge zurückziehen. Sie suchen die Nähe zum Gletscher und halten sich oft am kühlen Lawinenkegel auf. Da gibt es fast nichts zu fressen. Die Schafe werden deshalb immer magerer, aber kein Gedanke, dass sie von sich aus in tiefere Regionen absteigen. Stur bleiben sie im kargen Gelände. Der Hirte muss sie zurückholen, sonst würden sie noch verhungern.

Sicher sind wir nicht in jeder Beziehung wie Schafe. Aber dieser Vergleichspunkt der Schweizer Schafe würde vielleicht zutreffen. Wir wissen oft nicht, was gut für uns ist. Und wir verhungern lieber, als dass wir verkehrte Wege korrigieren. Die Gletschernähe kann bedeuten, dass wir auf schnelle Lösungen hereinfallen, nur den Moment sehen und nicht die Folgen. Dass wir uns abmühen, uns verausgaben, statt uns Kraft von Gott zu holen. Dass wir über unsere Einsamkeit klagen, statt uns für andere zu interessieren und uns für sie zu öffnen. Und dann sind da noch die, die mit der Schafherde einfach mitlaufen, gar keine eigene Entscheidung treffen können. Auch sie landen am Gletscher und müssen hungern, ohne je eine Alternative gehabt zu haben.

Diese Menschen brauchen Hirten, die sie zurückholen. Der Hirte, den Ezechiel vorhersieht, Jesus, ist besonders. Der Hirte kommt als Lamm und mischt sich selbst unter die Herde. Er wird einer von uns Verlorengegangenen, spricht unsere Sprache und lebt mit uns. Er weiß, wie es uns am Gletscherrand zugeht. Sein Auftrag ist es, uns seinen heiligen Geist zu schenken, uns selbst zu Hirten zu machen, die zu ihm gehören und von ihm Ausbildung und Autorität bekommen.

Zugleich Schaf und Hirte
Keine und keiner kann mehr sein als ein Schaf in der Herde Gottes, und keiner, keine kann weniger werden als ein Hirte in der Nachfolge Jesu. Wie Jesus selbst ist, so beruft er uns in eine Doppelexistenz: zugleich Schaf und Hirte. Wir sollen wie er den Menschen hinterhergehen, die sich in Gletschernähe befinden. Wir sollen sie bewirten und ihnen den Tisch decken, wir sollen die Gläser voll einschenken.

Ezechiel greift die Hirten seiner Zeit an. Vielleicht greift er auch uns an. Nehmen wir unsere Aufgabe wahr? Es ist doch viel einfacher, mit der Herde zu laufen und sich umsorgen zu lassen. Die professionellen Hirten sollen für das eigene geistliche Leben sorgen, man selbst lässt es an sich geschehen wie eine professionelle Zahnreinigung.

Der Leitungskreis einer großen Gemeinde beobachtete, dass neu Hinzugekommene, die Jesus kennengelernt hatten und nun verbindlich mit ihm leben wollten, nach einiger Zeit wieder die Gemeinde verließen. Er fragte nach und kam zu der Erkenntnis, dass die Neuen erwarteten, dass man sich weiterhin um ihre persönliche Entwicklung kümmerte. Sie entwickelten keine Eigeninitiative. Aus Schafen wurden keine Hirten.

Jesus bevollmächtigt gefundene Schafe, ihrerseits Hirtenaufgaben wahrzunehmen. Gemeinde ist gleichzeitig Schafherde Gottes und Hirten-Innung mit Jesus als Vorsitzendem. Die Verantwortung ist 360 Grad weit gespannt:

  • Für mich selbst: Was brauche ich, dass mein Vertrauen zu Jesus wächst? Wie sieht es mit meinem Beten aus?  Habe ich Freunde, mit denen ich über Glaubensfragen offen reden kann? Wo erlebe ich Gottes Gegenwart besonders intensiv, und suche ich diese Räume regelmäßig auf?
  • Für die Nächsten um mich herum: meine Eltern, mein Partner, meine Freunde und Kollegen, was brauchen sie von mir? Wie kann ich sie ermutigen, ihnen Angst vor der Zukunft nehmen, sie mit Gottes Liebe in Berührung bringen?
  • Für die, die mir anvertraut sind: die Kinder, Auszubildende, Kunden, Patienten, Schüler, wie kann ich sie fördern, ihnen mit Wertschätzung gegenübertreten, wie ich sie bei Jesus erlebe? Wie kann ich sie in besonderen Situationen mit dem Guten Hirten bekanntmachen, der auch für sie da sein will?
  • Für die Kinder und Jugendlichen unserer Gemeinde: Bei einer Besprechung unter hauptamtlich in der Kirche Tätigen kam von überall her der Ruf nach hauptamtlichen Kinder-und Jugendmitarbeitern. Der Arbeitsmarkt ist leergefegt. Auch wenn Kinder und Jugendliche da wären, niemand hat in der Gemeinde Zeit und Kraft für sie. Ist das vielleicht auch ein Zeichen, dass wir verlernt haben, Hirten zu werden, und uns in unserer passiven Schaf-Rolle gut eingerichtet haben? 
Der Ewigkeitssonntag ist ein Innehalten auf der Schwelle. Dankbar sind wir, dass Jesus uns gefunden hat, wir nicht länger in Gletschernähe nach dem Brot des Lebens suchen müssen. Dankbar sind wir, dass wir gebraucht werden. Hirten können wir sein, damit viele den Weg zu grünen Auen auch in Ewigkeit finden.

Freuen dürfen wir uns, denn Jesus geht jetzt schon mit uns und öffnet uns den Blick auf den Himmel, wo Gott mit uns ist und Leid und Not keinen Raum mehr haben werden.

Cornelia Trick


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