Bewegt vom Heiligen Geist
Pfingstgottesdienst am 03.06.2001

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
es gibt Leute, die freuen sich nicht auf ihren Geburtstag. Sie haben Sorge, etwas geschenkt zu bekommen, was ihnen nicht gefällt, was sie schon haben, was unnötig bei ihnen herum stehen wird. Sie können ihr Inneres den Schenkenden gegenüber schlecht verbergen und wissen, dass sie Leute damit unglücklich machen werden. Also verreisen sie an ihrem Geburtstag am liebsten und gehen damit den Geschenken und der spontanen Freude darüber aus dem Weg. 

Gott kennt uns Menschen und auch die Sorte von Geburtstagsmuffeln, zu denen ich selbst gehöre. Zu Ostern hat er uns etwas ganz Großes geschenkt, seinen Sohn Jesus Christus, der für uns den garstigen Graben zu Gott überwunden hat, der lebt und mit uns das Leben bis in Ewigkeit gestalten will. Aber was ist mit den Geschenkmuffeln? Sie freuen sich nicht über das Ostergeschenk. Sie finden es unpassend – nicht mit ihrem Alltag zu vereinbaren, packen es erst gar nicht richtig aus und verstauen es irgendwo auf dem Speicher.

Gott kennt uns Menschen und darum ließ er uns mit dem verstaubten Geschenk nicht allein. Er öffnete uns mit dem Pfingstfest selbst unser misstrauisches Herz, sein Heiliger Geist schenkt uns seither das Bedürfnis nach Jesus, Verständnis, wie Jesus unser Leben gestalten will und unbändige Freude über Gottes Ostergeschenk.Geschenk 

Sehr persönlich können wir uns heute am Pfingstfest fragen lassen: Ist es bei uns schon Pfingsten geworden? Sind wir mit Gottes Gemeinschaft beschenkt worden und haben wir das Geschenk angenommen, ausgepackt, wirken lassen? Oder sehnen wir uns danach, dass es endlich Pfingsten wird und wir uns endlich über Jesus freuen können?

Von der ersten Christengeneration lesen wir in der Apostelgeschichte. Die Apostelgeschichte könnte die Überschrift "Geschichte des Heiligen Geistes" oder "Pfingsten und Fortsetzung" tragen. Angefangen vom ersten Pfingstfest und der Ausgießung des Heiligen Geistes wird von Leuten berichtet, die vom Heiligen Geist erfasst wurden, ihr Leben fortan mit Jesus Christus führten und voller Begeisterung anderen von Jesus erzählten. So war es auch in Ephesus.

Apostelgeschichte 19,1-7

Während Apollos in Korinth war, kam Paulus auf dem Weg über das kleinasiatische Hochland nach Ephesus. Er traf dort einige Jünger und fragte sie: "Habt ihr den Heiligen Geist empfangen, als ihr zum Glauben gekommen seid?" Sie antworteten: "Nein. Wir haben noch nicht einmal gehört, dass es so etwas wie einen Heiligen Geist gibt." "Was für eine Taufe habt ihr denn empfangen?" "Die Taufe, die auf Johannes zurückgeht", sagten sie. Daraufhin erklärte ihnen Paulus: "Johannes hat das Volk zur Umkehr aufgefordert; seine Taufe war das Siegel auf die Bereitschaft, ein neues Leben anzufangen. Doch sagte er allen, sie müssten, um gerettet zu werden, ihr Vertrauen auf den setzen, der nach ihm komme: auf Jesus." Als sie das hörten, ließen sie sich im Namen von Jesus, dem Herrn, taufen, zur Übereignung an ihn. Dann legte Paulus ihnen die Hände auf, und der Heilige Geist kam auf sie herab. Sie redeten in unbekannten Sprachen und mit prophetischen Worten. Es waren etwa zwölf Männer.

Der Missionar Apollos wirkte schon einige Zeit in Ephesus. Er stammte aus Alexandria, muss ein gelehrter Mann gewesen sein, der die jüdischen Schriften gut kennen gelernt hatte. Er predigte in Ephesus von Jesus und gründete eine kleine Gemeinde. Die Apostelgeschichte stellt es so dar, dass er von Jesus im historischen Abstand erzählte, ihn den Gemeindeleuten als Vorbild hinstellte, ihnen ans Herz legte, so zu handeln, wie Jesus es tat. Aber offensichtlich ist nichts Lebendiges herübergekommen. Die Leute hatten Jesus nicht als den erlebt, der durch den Heiligen Geist bei ihnen lebendig war, mit ihnen ging und sie veränderte.

Als Paulus nach Ephesus kam, war Apollos gerade unterwegs nach Korinth. Paulus suchte diese kleine Christengruppe auf, die sich von der Synagoge der Juden fernhielt. Seine Unterhaltung mit den Christen dort wird von der Apostelgeschichte nur knapp wiedergegeben. Paulus merkte offensichtlich, dass den Leuten etwas fehlte. Sie kannten sich bestens in den Heiligen Schriften aus. Sie wussten über das Leben Jesu Bescheid, sie lebten nach Jesu Weisungen. Aber es war ihnen nicht warm geworden ums Herz. Das Ostergeschenk stand bei ihnen noch unangetastet auf dem Gabentisch, so wie ein neues Kleid seit geraumer Zeit auf dem Geburtstagstisch liegt, und niemand hat es anprobiert. Die Epheser hatten wohl auch Angst, Angst vor Gott, dem gerechten Richter, der jede falsche Tat sehen und bestrafen würde. Ihre Freude über den gekreuzigten und auferstandenen Herrn war damit mehr theoretischer Natur, sie waren überfordert von Gottes Tun. Was fehlte ihnen? Paulus stellte fest, der Heilige Geist fehlte ihnen, es war nicht Pfingsten geworden.

Als ich diese Reisenotiz aus Ephesus las, wurde ich erinnert an unseren methodistischen Kirchenvater John Wesley (1703-1791). Er lebte in England zu Beginn der Industrialisierung, wuchs in einem Pfarrhaus auf, war getauft, christlich aufgewachsen, studierte Theologie, war schließlich Pfarrer und Magister der Theologie. Er nannte sich Christ, befolgte die Gebote Gottes, übte Nächstenliebe, wo er konnte, ging in die neue Welt Amerika um Indianer zu missionieren. Doch während der ganzen Zeit hatte er das Gefühl, nicht aus dem Gericht Gottes errettet zu sein. Er hatte Angst vor Gott und seiner Strafe, er empfand keine Freude bei seinen Aufgaben und er sah nur sehr wenig Früchte seiner Arbeit.

Wir können diese Linie ausziehen bis heute. Ein Bekannter ist getauft, in einem christlichen Elternhaus aufgewachsen. Er nennt sich Christ und geht auch zu den kirchlichen Feiertagen in die Kirche. Er tut viel für seine Mitmenschen, auch ehrenamtlich. Aber er klagt darüber, dass ihm das so wenig Freude macht. Er erzählt von einer Leere im Herzen und Angst vor dem Sterben. Christus ist wie ein Lehrbuch in seinem Bücherschrank, aber er füllt ihn nicht in seinem Innersten aus, Jesus Christus wohnt nicht in ihm, es ist nicht Pfingsten geworden.

So meine ich, Ephesus ist nicht nur historische Reisestation des Paulus, sondern hier wurde etwas offenbar, das uns bis heute begegnet. Es gibt Glauben an Jesus Christus, der Jesus nur aus dem Abstand kennt – wie ein nicht ausgepacktes Geschenk. Gott möchte uns Glauben schenken, der uns bis ins Herz trifft, uns mitreißt, uns verändert, uns zu Pfingstmenschen macht, wie John Wesley einer geworden ist und wie ich hoffe, dass es auch mit meinem Bekannten geschehen wird.

Paulus sagte den Leuten damals, Johannes hatte getauft, um die Sünden abzuwaschen, die von Gott trennten. Aber Johannes hatte schon auf Jesus hingedeutet. Jesus vergibt nicht nur die Schuld, die von Gott trennt, sondern er will durch den Heiligen Geist in uns wohnen und einen umfassenden Umbau unseres Lebenshauses vornehmen. 

Die Epheser ließen sich auf den Namen Jesu Christi taufen. Sie ließen sich von Paulus die Hand auflegen und empfingen den Heiligen Geist, es wurde Pfingsten bei ihnen. Jesus war nicht länger im Abstand, er füllte sie aus, er gab ihnen eine neue Sprache und Worte, die Gottes Willen zum Ausdruck brachten.

Auch dies ist nur eine knappe Information über Pfingsten in Ephesus. Ich möchte sie für uns ein wenig ausweiten:

  1. Was verändert der Heilige Geist in unserem Leben?
  2. Wie können wir neu oder zum ersten Mal mit dem Heiligen Geist erfüllt werden?
1 Was verändert der Heilige Geist in unserem Leben?
Zuerst geht es um den Appetit, warum sollte man den Heiligen Geist wollen, wenn man nicht weiß wofür?
  • Der Heilige Geist ist Verbindung, lebendige Verbindung zu Jesus Christus. Er ist so etwas Ähnliches wie die Radiowellen, die die Sendung im Hessischen Rundfunk zu mir ins Wohnzimmer bringen. Mit Hilfe des Heiligen Geistes werden wir angeschlossen an Gottes Liebe, an Gottes Willen, angeschlossen an die große Familie Gottes, zu der wir seit Pfingsten gehören dürfen.
  • Der Heilige Geist ist Kraft zum Leben hier und heute. Er schenkt uns Gottes Kraft, die in uns mächtig wird. Er stattet uns aus mit Kraft, die trägt, Kraft, die aushalten hilft, Kraft zur Veränderung. Er ist die Ursache dafür, dass wir nach manchen schwierigen und herausfordernden Erlebnissen bezeugen: Es war Gott, denn allein hätten wir es nicht geschafft.
  • Der Heilige Geist ist Magnet. Er bringt uns hier zusammen als seine Gemeinde, in der Jesus Christus Gestalt annimmt. Er macht uns unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Vorlieben und Vorgeschichten zu einer neuen Familie. Er hält uns hier fest, auch wenn wir manchmal in der Versuchung standen, aus Gottes Schule und Liebe wegzulaufen. Er geht uns nach und erinnert uns, erinnert uns an Jesus und seine Zusagen über unserem Leben. 
  • Der Heilige Geist ist Nährboden, Klima für das Wachsen und Reifen neuer Früchte an unserem Lebensbaum. Er motiviert uns und gibt uns Ziele, nach denen wir uns ausstrecken können. Er lässt uns manchmal auch in die Tiefe unsere Wurzeln entfalten, wenn wir äußerlich auf der Stelle treten und nicht voran kommen.
  • Der Heilige Geist bewahrt uns davor, in unserem Glauben zu erstarren und Jesus als Lehrgebäude zu verstehen. Gerade in den aktuellen Herausforderungen unserer Tage brauchen wir so nötig seine Hilfe. Wenn wir als Christen über unsere Haltung zur Embryonenforschung, Stammzellenforschung, Präimplantationsdiagnostik nachdenken, dann hilft uns ein Jesus Christus im Abstand nichts, denn er hatte sich vor 2000 Jahren nicht zu diesem Problem geäußert. Dann sind wir darauf angewiesen, dass der Heilige Geist uns Gottes Willen hier und heute erkennen lässt und uns die Vollmacht gibt, in Jesu Namen für diesen Willen einzutreten. Auch das ist eine Auswirkung von Pfingsten, dass wir den Herausforderungen der Wissenschaft nicht angstvoll und restriktiv entgegen treten müssen, sondern sie mit dem Heiligen Geist prüfen können. Ich hoffe, dass wir auf die bedrängenden Fragen der Gegenwart und Zukunft von Pfingsten her eine Antwort bekommen.
2 Wie können wir neu oder zum ersten Mal mit dem Heiligen Geist erfüllt werden?
An den knappen Notizen zu Ephesus lassen sich ein paar wichtige Gesichtspunkte ablesen. 
  • Ephesus zeigt uns, wie wichtig es ist, offen für den Heiligen Geist zu sein. Die Glieder der kleinen Gemeinde dort haben nicht gesagt, dass sie schon alles richtig machen und so bleiben wollen, wie sie sind. Sie waren bereit, das Ostergeschenk vom Tisch zu nehmen, auszupacken und anzuwenden. Sie ließen sich auf Jesu Namen taufen und die Hand auflegen. Und ließen den Heiligen Geist an sich wirken, die Gaben des Geistes setzten sie sogleich ein.
  • Offen zu sein für den Heiligen Geist, das bedeutet für mich, ich möchte mich von Paulus her hinterfragen lassen. Lebe ich mit Jesus in enger Verbindung und aus seiner Kraft, zieht es mich in die Gemeinde, weil mich der Heilige Geist bewegt? Oder ist alles mehr oder weniger Pflichterfüllung, anstrengend und mit dem Eindruck, um des Glaubens willen auf so vieles verzichten zu müssen?
  • Ephesus verdeutlicht, wie entscheidend der eigene Wille ist, sich mit dem Heiligen Geist erfüllen zu lassen. Dreimal wird in der Apostelgeschichte davon geredet, dass Leute neu vom Heiligen Geist erfüllt wurden. Wir können Gott darum bitten, dass er auch uns mit dem Heiligen Geist erfüllt und wir das Ostergeschenk annehmen können als etwas ganz Persönliches. Vielleicht können Sie sich stille Orte und Stunden suchen, in denen Sie Gott an sich handeln lassen können. Vielleicht ist ein Bruder oder eine Schwester in Ihrer Nähe, die Sie darum bitten können, Ihnen im Namen Jesu die Hand aufzulegen und Ihnen den Heiligen Geist zuzusprechen. Vielleicht nehmen Sie einfach eine Lutherbibel zur Hand. In ihr sind viele Verse fett gedruckt, die das Herz durch Gottes Liebe in besonderer Weise warm werden lassen.
  • Und wenn wir offen sind, Pfingsten wirklich wollen, dann geht es auch um die konkrete Umsetzung. Wir dürfen die Gaben, die Gott uns mit seinem Geist schenkt, einbringen, um ihn zu loben. Gemeinde ist der Ort, für den der Heilige Geist uns mit Gaben ausstattet. In einigen Gemeinden gibt es Kinder, die keine Sonntagsschullehrer und -lehrerinnen haben. Sie werden umschichtig von den Eltern betreut, aber die bleiben bald mit ihren Kindern lieber gleich zu Hause. Der Heilige Geist schenkt uns Gaben für die Gemeinde, sollte er da die Kinder vergessen? Oder liegt es an Herrn X, Frau Y, an Ihnen und mir, dass wir unsere Gaben gar nicht annehmen, sie unausgepackt stehen lassen und immer denken, dass die bestimmt für jemand anderen bestimmt sind?
Im Epheserbrief, Kapitel 5, Vers 18 ruft der Apostel der Gemeinde in Ephesus zu:
Lasst euch vom Geist erfüllen!
Wie gut, wenn wir Pfingsten 2001 bezeugen dürfen, dass der Heilige Geist uns erfüllt.
Cornelia Trick


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