Der Geist der Freiheit (Römer 7,21-8,2)
Gottesdienst am 08.06.2014 in Brombach

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,
Pfingsten in Jerusalem, das war ein Paukenschlag. Verängstigte Jünger, die sich aus Angst versteckten, wurden zu freimütigen Predigern des Evangeliums. Plötzlich widerstanden sie Verspottung, Haft und fürchteten noch nicht mal den Tod. Von einem Moment auf den andren riss sie der Sturm des Heiligen Geistes mit, brannte das Feuer des Geistes in ihnen und ließ sie so sprechen, dass jeder sie verstehen konnte. 3000 Menschen ließen sich an diesem Tag mitreißen und taufen, die Urgemeinde in Jerusalem entstand.

Vielleicht schauen wir sehnsüchtig zurück. Das hätten wir heute auch gerne, dass ein Sturm durch unseren Ort fegt, sich Feuer in unseren Herzen ausbreitet und wir den Menschen so von Jesus erzählen können, dass sie von Jesus selbst angesprochen werden.

Realistisch betrachtet sind bei uns aus Pfingsttagen eher Pfingstmonate und -jahre geworden. Die Jugendliche ging viele Monate in den Jugendkreis, bevor sie den Gottesdienst besuchte und irgendwann unterwegs von Gottes Geist erfasst wurde. Ihre Geschwister kamen ins Fragen und machten sich auf, um auch diesen Jesus kennenzulernen. Der Mann in der Krise seines Lebens begann zunächst zögerlich zu beten und merkte, dass seine Gebete den Himmel erreichten. Er spürte den Heiligen Geist wie ein starkes Band, das ihn zu Gott hinzog. Sein Leben veränderte sich allmählich, er wurde mutig, zuversichtlich und schöpfte aus einer anderen Kraftquelle. Und auch die überforderte Mutter, die von einer Bekannten eine Gemeindeadresse erhalten hatte, griff nach dem Strohhalm und wurde von Gottes Geist angesteckt. Ihr Leben änderte sich nicht grundlegend, aber sie fühlte sich zunehmend geborgen und aufgefangen.

Pfingstwunder können sehr unterschiedlich aussehen. Der Wind kann stürmisch sein oder sanft. Er kann umreißen, aber auch locken und langsam formen.
Der Brief des Paulus an die Römer hilft uns, der Bedeutung des Heiligen Geistes näher zu kommen.

Römer 7,21-8,2

Wir finden demnach unser Leben von folgender Gesetzmäßigkeit bestimmt: Ich will das Gute tun, bringe aber nur Böses zustande. In meinem Innern stimme ich dem Gesetz Gottes freudig zu. Aber in meinen Gliedern, in meinem ganzen Verhalten, sehe ich ein anderes Gesetz am Werk. Dieses Gesetz liegt im Streit mit dem Gesetz, das ich innerlich bejahe, und macht mich zu seinem Gefangenen. Es ist das Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern regiert und mir mein Verhalten diktiert. Ich unglückseliger Mensch! Wer rettet mich aus dieser tödlichen Verstrickung? Gott sei gedankt durch Jesus Christus, unseren Herrn: Er hat es getan! Nun diene also ich, ein und derselbe Mensch, mit meinem bewussten Streben dem Gesetz Gottes, aber mit meinen Gliedern dem Gesetz der Sünde.
Vor dem Gericht Gottes gibt es also keine Verurteilung mehr für die, die mit Jesus Christus verbunden sind. Denn dort, wo Jesus Christus ist, gilt: Du bist befreit von dem Gesetz, das von der Sünde missbraucht wird und zum Tod führt. Denn du stehst jetzt unter dem Gesetz, in dem der Geist Gottes wirkt, der zum Leben führt.

Wie ein roter Faden zieht sich das Thema Heiliger Geist durch den ganzen Brief des Paulus an die Gemeinde in Rom. Paulus zeigt auf, wie der Heilige Geist das Leben in Vorher und Nachher aufteilt. Vorher war der Mensch von Sünde getrieben. Schon Adam und Eva im Paradies wollten sein wie Gott. Dieses Begehren steckt in uns Menschen. Wir wollen immer mehr, immer besser und möglichst immer schneller.

Was verboten ist, reizt besonders. Letzte Woche beobachtete ich eine Familie in der S-Bahn. Das Kind war vielleicht anderthalb Jahre alt und saß im Kinderwagen. Direkt in Greifhöhe war ein Notruf-Knopf für Rollstuhlfahrer angebracht. Das Kind probierte einmal, den Knopf zu drücken. Die Mutter riss ihm die Hand weg. Und nun ging das Spiel hin und her, bis die Mutter schließlich dem Kind auf die Hände schlug. Das Kind wusste genau, dass es den Knopf nicht drücken sollte, aber er reizte so sehr. Wir werden ähnliche Themen aus unserem Alltag kennen. Wir wollen nicht das Verbotene tun, aber es ist wie ein Zwang. Wir fühlen uns wie Ochsen, die in einem Geschirr eingespannt sind und einem Herrn gehorchen müssen, der uns in die falsche Richtung lenkt. Wir schreien vor Verzweiflung: „Wer rettet uns aus dieser tödlichen Verstrickung?“

Nun kommt es zum Herrschaftswechsel durch den Heiligen Geist. Durch den göttlichen Sturm werden wir von dem Gespann losgerissen, der Ochsentreiber hat keine Macht mehr über uns und kann uns nicht mehr in die falsche Richtung zwingen. Nun folgen wir aus freien Stücken Jesus, der uns in Gottes Richtung lockt. Zwischen Wollen und Tun ist kein Widerspruch mehr, Gottes Geist ist in uns und lässt uns das Richtige tun.

Zwischen Vorher und Nachher ereignet sich Pfingsten. Der Herrschaftswechsel kann plötzlich, auf einmal oder ganz allmählich geschehen. Er bewirkt Erkenntnis, Gemeinschaft und Befähigung.

Erkenntnis: Ich bin eingefangen wie in einem Ochsengespann und lasse mich von meiner wahren Bestimmung wegtreiben. Ich kann mich nicht selbst befreien von negativen Gedanken, Rachegefühlen, Hochmut oder Verzweiflung. Pfingsten lässt mich aufmerken. Ich sehe ein, dass ich leere Hände habe und Hilfe brauche. Ich nehme Jesu Hilfe an und sage ganz einfach: „Ja, hilf mir!“

Gemeinschaft: Es geht nicht mehr nur und ständig um mein Ich, sondern das Wir wird wichtig. Wir, das sind Jesus, ich und alle, die zu Jesus gehören. Pfingsten feiert die Gemeinde Geburtstag, weil Jesus sich an die Gemeinde gebunden hat und in ihr für alle erfahrbar sein will. „Wo zwei oder drei in meinem Namen beisammen sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ (Matthäus 18,20) Diese Gemeinschaft wird durch den Heiligen Geist am Leben erhalten. Er schenkt die Gaben, die in der Gemeinschaft nötig sind und die dazu beitragen, dass die Gemeinde nicht im eigenen Saft schmort, sondern sich anderen zuwendet. Die jungen Menschen, die heute mit ihrer Band im Gottesdienst spielen, haben diese Gaben nicht für einen schönen Gottesdienstablauf geschenkt bekommen, sondern um damit Menschen auf Christus aufmerksam zu machen. Sie singen und spielen und bringen damit zum Ausdruck: „Auch du, der du vielleicht nur ganz selten zur Kirche gehst, bist von Gott gemeint und geliebt, die Musik singt dir diese Liebe ins Herz.“ Wie gut, dass sie es mit der Sprache und dem Rhythmus tun, die Menschen von heute besonders gut verstehen.

Befähigung: Der Ochse muss einfach dem Antreiben seines Herrn folgen und die Furchen ziehen. Als vom Joch Befreite ist niemand mehr hinter uns, der uns in eine bestimmt Richtung zwingt. Wir sind nun selbst verantwortlich und haben alle Möglichkeiten der Gestaltung. Wir können unsere Gaben ohne Zwang einbringen. Jede und jeder hat etwas beizutragen. Wenn hier jemand ist, der meint, er habe nichts beizutragen, so liegt es wohl an der Phantasielosigkeit von uns als Gemeinde, dass wir seine besonderen Gaben nicht aufnehmen.

Heute an diesem Pfingstfest erinnern wir uns an den Sturm damals und sehnen uns nach einem neuen Aufbruch. Eine Auffrischung tut uns gut, dass wir uns wieder neu bewusst werden, wir sind nicht mehr Ochsen, die tun müssen, was sie nicht wollen, sondern Freie, die mit Gottes Geist seine Welt gestalten können. 

Möge es uns nicht so gehen wie dem Hasen in unserer Nachbarschaft. Als abends vergessen wurde, seine Gittertür zu schließen, entkam er für 24 Stunden. Am nächsten Abend saß er brav vor der Tür und wartete, wieder in den Stall eingelassen zu werden. 

Wo ist Erkenntnis nötig? Ist die Verbindung zu Gott lose geworden?  Brauchen wir wieder die Erinnerung, dass wir Gottes Geist dringend brauchen, um nicht wie jenes Kind verbotene Knöpfe drücken zu wollen? 

Ist uns die Gemeinschaft von Christen lästig oder eine Quelle der Freude? Was bringe ich selbst ein? Wo öffne ich mich, und wo biete ich mein Ohr an? Wozu befähigt mich der Heilige Geist? Was gibt Gott die Ehre? Was brauchen die anderen, und wo schlägt mein Herz? Habe ich den Eindruck, dass meine Gemeinde mich nicht braucht? Das wäre sehr schade, weil ihr dadurch ein wichtiger Baustein fehlt.

Man kann sich vor dem Sturm des Heiligen Geistes schützen und einen Regenschirm aufspannen. Dann verläuft das Pfingstwochenende wie zwei schöne Urlaubstage. Man kann den Schirm auch zuklappen und sich bewegen lassen: Aus Ochsen werden freie Menschen, die sich von Jesus in die Zukunft locken lassen, die gemeinsam Gottes Auftrag erspüren und annehmen wollen und die pfingstlich loben, den Mund voll nehmen, weil sie wissen, der Heilige Geist wird das noch Schadhafte und Verkehrte verändern und verwandeln.

Cornelia Trick


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