Ein Mantel für´s Leben
Gottesdienst am 08.12.2002

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
pünktlich zur Weihnachtszeit steht vor unserer Haustür ein Gruß unserer Vermieterin. Sie denkt an uns und möchte uns mit einem kleinen Geschenk erfreuen. Wir freuen uns darüber sehr, zeigt es doch, dass wir nicht nur Geschäftspartner sind. Doch jedes mal, wenn ich das Päckchen vor der Tür entdecke, gehen mir ganz seltsame Gedanken im Kopf herum. Ich sehe die Treppenstufen zu unserer Wohnung mit ihren Augen. Habe ich das Laub zusammen gefegt? Habe ich die Fenster und Simse geputzt? Warum stehen die Begonien (die immer noch blühen) noch vor der Tür - hätte ich die nicht längst entsorgen sollen? Ach, so denke ich, wäre unsere Vermieterin doch erst nächste Woche gekommen, da wäre der Hausputz gemacht, das Laub gekehrt, die Fenster wären adventlich geschmückt. Was muss sie jetzt für einen Eindruck von uns haben!

Unsere Vermieterin ist mir zur Adventsbotin geworden. Sie führt mir die tiefe Wahrheit des Advents vor Augen. Die Adventszeit erinnert uns daran, dass Jesus in unsere Welt kommt - in unser Leben kommt. Doch rechnen wir mit ihm? Sind wir vorbereitet? Oder stöhnen wir auf und ärgern uns, dass wir uns nicht besser vorbereitet haben?

Wir leben zwischen dem 1. und dem 2. Advent. Jesus ist schon gekommen, damals vor 2000 Jahren. Aber er wird wiederkommen, sei es, dass er uns am Ende unseres Lebens hier auf Erden empfängt, sei es, dass er als der Herr dieser Welt am Ende der Zeiten kommen wird. In der Zwischenzeit ist die Chance zur gründlichen Vorbereitung. Wir können aufräumen, damit alles empfangsbereit für Jesus ist. 

Im Brief an die Römer spricht Paulus davon, wie wir diese Zeit sinnvoll nutzen können:

Römer 13,11-14

Und das tut, weil ihr die Zeit erkennt, nämlich dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden. Die Nacht ist vorgerückt,  der Tag aber nahe herbei gekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts. Lasst uns ehrbar leben wie am Tage, nicht in Fressen und Saufen, nicht in Unzucht und Ausschweifung, nicht in Hader und Eifersucht; sondern zieht an den Herrn Jesus Christus und sorgt für den Leib nicht so, dass ihr den Begierden verfallt.

Wie äußert sich christliches Leben und worauf kommt es an? Auf diese Fragen gab Paulus in den vorangehenden Abschnitten Auskunft. Er stellte die Gottesliebe und die Nächstenliebe in den Mittelpunkt. Jesus zu vertrauen äußert sich im konkreten Handeln. Dadurch wird ein Stück zukünftiger Wirklichkeit schon hier sichtbar. Vielleicht ist das von manchen bezweifelt worden. Sie meinten, Jesus zu vertrauen wäre doch schon völlig ausreichend. Wozu dann noch sich für andere einsetzen. Doch Paulus will diese Leute wachrütteln. Die Stunde ist da, aufzustehen vom Schlaf! Heute ist der Tag des Herrn näher als damals, zur Zeit der Bekehrung. Wir gehen auf ein Ziel zu, das eindeutig näher rückt. Genauso, wie beim Adventskalender Türchen für Türchen geöffnet wird, bis Weihnachten endlich da ist. Deshalb, so Paulus, kommt es darauf an, die Zeit auszunutzen und das zu tun, was Jesus von uns will.

Zwei Möglichkeiten zu leben werden uns schwarz-weiß vor Augen gestellt. Wir können in der Finsternis leben oder im Licht. So krass würden wir es vielleicht nicht ausdrücken. Da sind doch viele Zwischentöne zu erkennen. Manchmal ist es eher halbdunkel um uns. Da sehen wir zwar noch die Hand vor Augen, aber Orientierung ist nicht mehr möglich. Manches modert vor sich hin im Schatten und wir können keine Ordnung in diese Angelegenheiten bringen.

Doch schauen wir einmal auf die Extreme Finsternis und Licht. Paulus hatte wohl Rom bei Nacht vor Augen. Da lagen Tavernen im Dunkeln, in denen viel Alkohol getrunken wurde, so dass das Trinken in ein Saufgelage ausartete. Der Weg zu sexuellen Ausschreitungen war nicht mehr weit und damit auch Eifersucht und Neid Tor und Tür geöffnet. So geht das ja bei uns normalerweise nicht zu. Aber Finsternis breitet sich auch in unserem Umfeld aus, wo wir gegen das Liebesgebot verstoßen. Nehmen wir die Alltagssituationen. Über den Zebrastreifen fahren, wenn Leute am Bordstein warten, ist nicht nur gefährlich, sondern auch lieblos. Die Verkäuferin herunterputzen, weil sie erst den gerade angeschnittenen Käse einwickeln und wegpacken muss, bevor sie mich bedienen kann, ist egoistisch und sinnlos, sie wird mich danach nicht besser bedienen.

Diese Finsternis, die wir ja nur zu gut kennen, haben wir mit unserer Entscheidung für Jesus Christus eigentlich längst abgelegt. Der reißt uns heraus und gibt uns "Waffen des Lichts" in die Hand, die über die Finsternis siegen. Waffen des Lichts sind Zeichen der Liebe, Adventskerzen, die es im Herzen hell werden lassen. Waffen des Lichts können hilfreiche Worte sein, helfende Taten, ehrliche Zuwendung und sicher auch ehrliche Auseinandersetzung, damit die dunklen Ecken aufgeräumt werden.

"Zieht an den Herrn Jesus", das sollen wir uns im Advent wieder neu klar machen. Jesus anziehen heißt nicht, ihn nur zu den hohen Feiertagen aus dem Schrank hervor kramen, wo er sonst nur in der Ecke liegt. Jesus anziehen heißt nicht, sich äußerlich mit Religiösem schmücken und selbst bestimmen, wann es passt. Wenn davon gesprochen wird, dass wir Jesus anziehen sollen, dann doch eher wie einen Mantel, der lebensnotwendig ist und uns überall hin begleitet. Zur damaligen Zeit galt der Mantel als wichtigstes Kleidungsstück und durfte nicht verpfändet werden. Man konnte ihn nachts als Zelt benutzen und hatte so immer die Notunterkunft bei sich. Drei Aspekte des Mantels, den wir mit Jesus anziehen sind mir wichtig. Er ist unser Schutzmantel, unser Dienstmantel und unser Reisemantel

Der Mantel
(Carsten Nicolai)

Schutzmantel

Jesus umgibt uns wie ein Schutzmantel. Er kennt unsere Situation, dass wir angegriffen werden, dass Leute uns übel mitspielen, dass wir von Selbstzweifeln geplagt werden und längst nicht so selbstsicher sind, wie es von außen scheinen mag. Er drückt uns die Waffen des Lichts in die Hand, macht uns fähig zur Liebe, zu Versöhnung und Verzicht. Er macht uns sicher, dass uns nichts von ihm trennen kann, kein noch so harter Angriff, kein noch so großes Unglück. Er bewahrt uns und leitet uns auf dem Lebensweg.

Seinen Jüngern legte er ans Herz, sie sollten sich vor allem anderen darüber freuen, dass ihre Namen im Himmel geschrieben sind. So legt er es auch uns ans Herz. Dieses Wissen schützt vor Verzweiflung, Wut und Rache. Jesus als Schutzmantel bedeutet auch, dass seine Gemeinde uns ein Ort des Schutzes und der Vergewisserung ist. Hier leben wir von seinem Licht und das prägt den Umgang und die Maßstäbe. Von den Kindern hören wir, wie sie gerne in die Gemeinde kommen, weil sie hier fast eine Gegenwelt erleben. Hier sind sie akzeptiert ohne besondere Klamotten oder besondere Noten. Hier werden sie von ihren Sonntagsschullehrern und –lehrerinnen, ihren Kinder- und Jungscharleiterinnen erwartet und hier erfahren sie von Gott und seinem Willen für ihr Leben. Diese Heimat ist doch nicht nur für Kinder wichtig, wir Erwachsene brauchen sie auch. In den Hauskreisen, im Gebetskreis, in den Gemeindegruppen erfahren wir Jesu Schutzmantel und seine Kraft, die es in uns hell macht.

Dienstmantel

Ein Dienstmantel, eine Uniform tragen ja heute nur noch wenige Berufsgruppen. Und doch ist die Dienstkleidung ein wichtiger Träger von Information. Wenn ich im Talar auf dem Friedhof bin, dann wissen Unbeteiligte sofort: der Verstorbene gehörte zu einer Kirchengemeinde, dies ist ein christliches Begräbnis. Wichtig wäre doch, dass man uns die Zugehörigkeit zu Jesus Christus schon zu Lebzeiten ansehen würde. Jesus möchte uns mit einem Dienstmantel umgeben, an dem jederzeit erkennbar ist, dass wir zu ihm gehören. Vielleicht kennen Sie solche Situation, wie jemand sich in einer akuten Lebenskrise genau an Sie wendet, weil er weiß, dass Sie einen Draht zu Gott haben. Da hat der andere etwas von Ihrer Dienstkleidung gesehen, die ihm den Weg zu Ihnen gewiesen hat.

Jesus nimmt uns in seinen Dienst und das bedeutet, wie Paulus es ausdrückt, ehrbar zu leben. Vorher hatte er schon die verschiedenen Gebote Gottes aufgezählt: "Du sollst nicht ehebrechen, nicht töten, nicht begehren!" Der Dienstmantel nimmt uns in die Pflicht. Nicht ehebrechen sollen wir, sondern nach einem alten württembergischen Hochzeitsgebet darauf sehen, wie eine dem anderen helfe und es mit sich in den Himmel bringt. Nicht töten sollen wir, sondern die Chance sehen, dass ein Mensch lernt, Gott zu loben und ihm zu vertrauen. Unser Dienstmantel verpflichtet uns zu kritischer Stellungnahme gegenüber den Themen der Zeit wie Abtreibung, Todesstrafe und ökologische Verantwortung. Nicht begehren sollen wir, was anderen gehört oder ihnen zukommt. Statt auf die grüne Weide des Nachbarn zu starren, dürfen wir mit Jesu Hilfe danke sagen für das, was wir geschenkt bekommen haben. Denn der Neid ist die Wurzel vielen Übels.

Jesus ist unser Dienstmantel. Wir können ihn eigentlich nicht ablegen oder verstecken, sobald wir uns unter die Leute mischen. Die Mahnung aufzuwachen führt uns zum Beten. Wir dürfen unseren Dienstgeber darum bitten, uns die Kraft zu geben, nach seinem Vorbild zu leben. Und wir können uns in der Gemeinde gegenseitig darin unterstützen und füreinander beten, dass andere aufmerksam werden auf unseren Dienstherrn.

Reisemantel

Wir sind unterwegs zwischen dem 1. und dem 2. Advent, wenn Jesus wiederkommt auf diese Erde. Mitternacht ist Entscheidungszeit. Wollen wir uns konsequent auf das Ziel zu bewegen? Noch ist es dunkel. Der Weg ist nicht immer leicht zu finden und die "Waffen des Lichts", die wir in der Hand halten, leuchten nicht jeden Winkel aus.

Der Psalmbeter des bekannten Psalm 23 drückte es so aus: "Und ob ich schon wanderte im dunkeln Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir". Mit Blick auf das Ziel können wir stolpern, fallen, Feinde können auftauchen und es kann kalt werden. Doch Jesus hat uns den Reisemantel umgelegt. Jesus ist bei uns, umfängt uns und weist uns an den Wegmarkierungen auf seinen Weg hin.

Vielleicht fragen Sie sich, wie das denn im Alltag aussieht, wenn jemand arbeitslos geworden ist und nicht weiter weiß. Wie kann er da den Reisemantel um sich spüren. Es sind die kleinen Zeichen, die ihn gewiss machen, welchen Weg er einschlagen soll. Die innere Ruhe, die ihn bei einer Entscheidung überkommt, die Gewissheit, Jesus die erste Priorität einzuräumen und sich auf ihn zu verlassen, die Gespräche mit anderen, die Boten seines Willens werden können. Jesus legt uns seinen Mantel um, weil wir nicht sesshaft werden sollten, uns abfinden mit Finsternis und Grautönen. Wir sind berufen, Adventsmenschen zu sein, die sein Licht in die Welt tragen und er hilft uns dabei auf dem Weg zu bleiben und ihn dabei zu erkennen. Jesus begleitet uns mit seinem Mantel auch auf der letzten Reise in die Ewigkeit, "wenn wir aufstehen vom Schlaf, weil unser Heil gekommen ist".

Adventszeit ist eine Chance, uns wieder neu auf Jesus vorzubereiten. Mit seiner Hilfe können wir meiden, was uns in die Finsternis bringt, können wir sein Licht suchen und aufnehmen. Jesus ist unser Mantel, der schützt, uns als seine Leute ausweist und uns auf der Reise begleitet. So werden wir Adventsmenschen, die keine Angst vor seiner Ankunft haben, sondern ihm in seinem Mantel gekleidet entgegen gehen.

Cornelia Trick


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