Ein Ort der Sehnsucht (Römer 14,17-19)
Gottesdienst am 25.9.2016 in Brombach

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,
wenn ich mit Leuten z.B. auf einer Geburtstagsfeier ins Gespräch komme, landen wir meistens irgendwann beim Thema Glauben und Gott. Wahrscheinlich weckt mein Beruf ja gleich das Alarmsystem, ähnlich, wie wenn ich meine Friseurin beim Einkaufen treffe und sofort denke, dass meine Haare mal wieder nicht sitzen. Jedenfalls wird mir häufig erklärt, warum man nicht glauben kann oder schon lange keine Kirche mehr betreten hat. Dafür gibt es wirklich viele gute Gründe und es macht wenig Sinn, sie zu widerlegen. Mein Part an dem Gespräch ist vielmehr, von meiner Sehnsucht zu erzählen, dem Wunsch, in Gottes Gegenwart zu sein, Frieden in meiner Seele zu spüren und die Gewissheit zu haben, dass alles gut ist und gut wird. 

Bei dieser Sehnsucht treffen wir uns meistens. Und das ist der Ausgangspunkt für ein Verstehen, warum Menschen in eine Gemeinde gehen. Sie erleben Gemeinde als Sehnsuchtsort, wo Jesus ist und sich mit der Gemeinde und jedem und jeder einzelnen verbindet. Natürlich ist die Gemeinde, auch unsere, noch kein Paradies, eher ein Vorraum dazu, eine Art Klimakammer, in der wir uns auf das Klima des Paradieses in Ewigkeit vorbereiten können und schon mal einen Vorgeschmack auf das Neue bekommen.

Paulus schrieb den Christen in Rom einen Brief. Er kannte die Gemeinde ja nicht persönlich, deshalb holte er weit aus und streifte die wichtigen Gemeindethemen, die alle Gemeinden gleich betrafen und es bis heute tun. 

Römer 14,17-19

Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem Heiligen Geist. Wer darin Christus dient, der ist Gott wohlgefällig und bei den Menschen geachtet. Darum lasst uns dem nachstreben, was zum Frieden dient und zur Erbauung untereinander.

Mit Reich Gottes bezeichnet Paulus die Klimakammer des Himmels, die Gemeinde. Sie ist vom Heiligen Geist ins Leben gerufen worden.  Was die Gemeinde auszeichnet, ist Gerechtigkeit, Frieden und Freude im Heiligen Geist. Das sind Kernbegriffe des menschlichen Zusammenlebens.

In meiner Wohngemeinschaft während des Studiums hatten wir einen Putzplan für das Badezimmer, das wir zu siebt benutzten. Am Anfang klappte das prima. Wir fanden es gerecht, dass jeder mal mit dem Toilettenpapier-Kauf dran war und lebten im Frieden zusammen.  Als sich ein paar Leute aus dem Plan verabschiedeten, sah es schon anders aus. Unser Friede war gestört, man war aufeinander sauer, und Freude kam schon gar nicht auf. Es fehlte nicht viel, und jeder hätte seine Rolle im Zimmer unter Verschluss gehalten.

In der Gemeinde in Rom kam ein buntes Gemisch aus verschiedenen Leuten des römischen Reiches  zusammen. Kulturen, Religionen und Besonderheiten prallten aufeinander und bildeten sich auch in der Gemeinde ab. Die Christen fühlten sich durch ihren gemeinsamen Glauben an Jesus Christus verbunden, aber sie behielten ihre unterschiedliche Lebensweise durchaus bei. Kleinere Gewohnheiten und Neigungen störten ihren Glauben nicht. Den entscheidenden Schritt hatten sie getan, da konnte sie so schnell nichts erschüttern. 

Aber es gab auch andere in der Gemeinde. Sie waren anfälliger gegenüber der Vergangenheit und hatten Angst, von ihrem früheren Glauben eingeholt zu werden. Für sie war es ein Problem, wenn andere in großer Freiheit bei heidnischen Götzenopfer-Mahlzeiten dabei waren. 

So wurde aus dem problemlosen Miteinander ein Gegeneinander. Die Anfälligeren kritisierten die Starken und sprachen ihnen ab, richtig zu glauben. Die angeblich Starken verachteten hochmütig die Schwachen. Paulus fragt nun, ob das Essen und Trinken der richtigen Speisen und Getränke wichtiger ist, als der Sehnsuchtsort Gemeinde, der geprägt ist von Gerechtigkeit, Frieden und Freude?

Dabei müssen wir ja unser Zusammenleben nicht aus eigener Kraft gestalten wie wir es damals in unserer WG mussten. In der Gemeinde kommt die Kraft zum Gestalten des Miteinanders vom Heiligen Geist. In Brombach wird das sehr anschaulich durch unser Kirchenfenster. Die Taube ist das Symbol des Heiligen Geistes, sie ist uns hier im Gottesdienstraum von Augen, durch sie dringt Licht herein. In den Farbnuancen des Buntglasfensters bricht sich das Licht. Gottes Kraft kommt auch zu uns ganz unterschiedlich. Wir sind keine geklonten Wesen, die gleich aussehen und gleich leben. Wir sind stark und schwach, in manchen Bereichen mittelstark, wir helfen und sind hilfsbedürftig. 

Die spannende Frage ist, wie der Heilige Geist nun zu uns kommt. 

Zuerst kommt er individuell zu jedem und jeder einzelnen. Er berührt mich mit dem Gefühl. Ich singe, spüre, empfinde, dass ich hier geborgen und getragen werde, dass Gottes Zuspruch mir gilt und er für mich sorgt. Der Heilige Geist berührt auch meinen Verstand mit Worten und Einsichten, mit biblischen Geschichten, die mir aus dem Herzen sprechen. Zudem erinnert der Heilige Geist mich an meine Lebenserfahrungen, an Situationen, wo mir Gott geholfen hat, wo ich seine Weisung erlebt habe, wo er mich gestoppt hat. 

Doch auch als Kollektiv erfahren wir hier den Heiligen Geist. Immer, wenn jemand in Not getragen wird, wir ein Fest feiern, wir einander vergeben können und Neuanfänge gestalten, gemeinsame Aufgaben bewältigen, ist es der Heilige Geist, der unter uns wirkt.

Er wirkt Gerechtigkeit. Stellen wir uns einen ganzen Tisch voller Gläser vor, alle mit unterschiedlichem Füllstand. So sind wir, wenn wir hierher kommen. Die einen voller Lebensfreude, die anderen ein bisschen verhaltener, einige mit nur noch einem Tropfen Kraftreserve. Der Heilige Geist gießt nun Gottes Liebe über uns, sodass unsere Füllstände ausgeglichen werden. Nicht mit unserem Zutun, sondern mit Gottes Kraft. Dadurch entsteht Frieden, den es gibt nicht mehr mehr oder weniger, größer oder kleiner. Nicht was wir hierher mitbringen, ist entscheidend, sondern was der Heilige Geist uns schenkt. So kann eigentlich gar keine Konkurrenz entstehen, kein Neid und kein Hochmut. Unsere Füllstände vor Gott sind gleich, das ist wichtig. Daraus wächst Lebensfreude. Wir sind zusammen und können uns in unserer Unterschiedlichkeit, aber gemeinsamen Angewiesenheit auf Gott annehmen. Wir müssen hier keine Angst voreinander haben, keine Bauchschmerzen, keine Minderwertigkeitsgefühle.

Das ist nicht selbstverständlich, wie wir an Rom und auch in anderen Gemeinden der ersten Zeit sehen. Wir werden vom Heiligen Geist berührt, aber noch nicht verwandelt. Wir sind in der Klimakammer des Himmels, noch nicht im Himmel selbst.
Es gibt schon aktuelle Themen, wo sich Starke und Schwache gegenseitig im Weg stehen.

Nehmen wir zum Beispiel die Musik im Gottesdienst. Immer noch spalten sich Gemeinden wegen des Musikgeschmacks. Die einen sagen: Wir sind schwach. Unser Glaube hängt an alten Chorälen. Die anderen sagen: Wir sind schwach, unser Glaube hängt an aktuellen Songs. Ein Kollege aus einem anderen Land erzählte mir, wie seine Gemeinde nun zwei Gottesdienste veranstaltet. Einen mit dem alten Gesangbuch, einen mit Lobpreis eine Stunde versetzt. Man konnte sich nicht einigen, und nun vermissen die Alten die Jungen und die Jungen die Alten. Verrückt, meinte er ratlos. 

Wer sind denn nun die Starken, wer die Schwachen? Nach der Definition des Paulus sind die Starken die, die sich von Jesus Christus geliebt wissen, die viele Erfahrungen mit dem Glauben gesammelt haben und mit Jesus schon eine Weile unterwegs sind. Die Schwachen sind die, denen die Erfahrung noch fehlt. Sie sind jung oder im Glauben jung, haben gerade erst angefangen, der Liebe Gottes zu trauen. Dieser Definition nach dürften die, die schon lange Christen sind, nicht für sich in Anspruch nehmen, schwach zu sein. Sie können zwar ihre Vorlieben nennen, aber sich nicht darauf berufen, dass ihr Glaube in Gefahr ist. Streng genommen müsste die Gemeinde meines Kollegen den langjährigen Christen sagen, dass sie den Jungen den Vortritt lassen sollten. Sie werden ihr Seelenheil nicht durch Lieder verlieren, die ihnen fremd sind. Die Jungen hingegen könnten herausgedrängt werden, ja, den Heiligen Geist gar nicht wahrnehmen, weil er sich ihnen nicht in alten Liedern erschließt.

Es ist wohl nötig, dass wir uns immer wieder Gedanken machen, wer die Schwachen unter uns sind und wie wir ihnen gerecht werden können. Was brauchen sie, um die Berührung der Heiligen Geistes zu erleben? In welcher kulturellen Sprache verständigen sie sich und können sie verstehen? Kann diese Gemeinde ihr Sehnsuchtsort werden, weil sie hier das bekommen, wonach ihr Herz sich sehnt?

Auch die Starken brauchen Gottes Geist, damit sie eine neue Sicht bekommen, weg von den eigenen Bedürfnissen, hin zu denen der Schwachen. Vielleicht würde es oft helfen, miteinander ins Gespräch zu kommen. Warum sind mir diese Lieder wichtig, warum dir? Warum mag ich Gottesdienst so, wie sieht dein Traum-Gottesdienst aus? Daraus erwächst die Bereitschaft zu Kompromissen und einem Ausgleich. Vielleicht brauche ich nicht so viel Wasser des Heiligen Geistes, aber natürlich auch etwas, sonst vertrockne ich auch als Starke. Dafür wird auch die Verständnis haben, die meine Sprache des Glaubens nicht versteht.

Musik ist nur ein Beispiel, es gibt viele andere Themen, die unser Zusammenleben prägen.  Nur gemeinsam lernen wir und erfahren, wie Gottes Geist uns zusammenbringt und -hält.

Leben wir im Einklang mit Gott, sind wir ein Zeugnis für Menschen, die uns von außen wahrnehmen. Wer abends außen an der Kirche vorbeigeht, während drinnen Licht brennt , sieht das Kirchenfenster leuchten. Die Gemeinde leuchtet durch den Heiligen Geist, der in ihr wirkt.

Paulus schließt dieses Kapitel mit einem Segenswort:
Ich bitte Gott, auf den sich unsere Hoffnung gründet, dass er euch in eurem Glauben mit aller Freude und allem Frieden erfüllt, damit eure Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes immer stärker und unerschütterlicher wird.“ (Römer 15,13)

Cornelia Trick


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