Erneuere mich (Lukas 18,9-14)
Gottesdienst am 11.09.2011

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
in meiner persönlichen Andacht bin ich auf bewegende Worte des 51. Psalms gestoßen. Ich bin mit einem vollen Herzen in die Gebetszeit gegangen. Ungeduldig wartete ich auf Antworten und hatte das Gefühl, dass in meinem Seelen-Getriebe Sand war, ich lief nicht rund, ächzte und stöhnte wie unser altes Auto das manchmal tun. Ganz überwältigend begegneten mir die Psalmworte und berührten mich tief: „Erschaffe in mir ein reines Herz, o Gott; erneuere mich und gib mir Beständigkeit! Stoße mich nicht von dir, und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir! Schenk mir Freude über deine Rettung, und mach mich bereit, dir zu gehorchen!“ (Psalm 51,12-14, Hoffnung für alle-Übersetzung)

Ein reines Herz, das erneuert und beständig ist, neue Freude, neuen Gehorsam, das wünschte ich mir. Nicht die Anfragen an Gott, die Anliegen der Anderen, meine Kümmernisse waren präsent, sondern meine Beziehung zu Gott. Heilung und Kraft brauchte ich erstmal für mich selbst, das erkannte ich deutlich.

Der Abschnitt aus Psalm 51, der in meinem Andachtsbuch abgedruckt war, steht in größerem Zusammenhang. Der Psalm ist David zugeschrieben, als er vom Propheten Nathan darauf hingewiesen wurde, dass sein Ehebruch und Mord an dem betrogenen Ehemann sein Gottesverhältnis betraf und Unrecht war. David erkannte, dass er gegenüber Gott und Menschen schuldig geworden war und bat Gott um Vergebung und einen Neuanfang.

Nun ist es leicht, dieses Schuldbekenntnis von mir zu schieben. So schuldig wie David bin ich doch nicht. Ich habe die Ehe nicht gebrochen und niemand umgebracht. Aber wohin führt das? Kann Schuld vor Gott gemessen werden in schwer und leicht? Und ist dieser Sand in meinem Seelengetriebe nicht gerade das – eine Trennung von Gott, seiner Liebe, seiner Gegenwart? Gibt es nicht etwas zu reinigen in meiner Seele, um den Sand zu entfernen?

So bin ich auf eine Beispielgeschichte Jesu gestoßen. In ihr zitiert einer der Handelnden Worte aus Psalm 51.

Lukas 18,9-14

Dann wandte sich Jesus einigen Leuten zu, die voller Selbstvertrauen meinten, in Gottes Augen untadelig dazustehen, und deshalb für alle anderen nur Verachtung übrig hatten. Er erzählte ihnen folgende Geschichte: »Zwei Männer gingen hinauf in den Tempel, um zu beten, ein Pharisäer und ein Zolleinnehmer. Der Pharisäer stellte sich vorne hin und betete leise bei sich: 'Gott, ich danke dir, dass ich nicht so bin wie die anderen Menschen, alle diese Räuber, Betrüger und Ehebrecher, oder auch wie dieser Zolleinnehmer hier! Ich faste zwei Tage in der Woche und gebe dir den vorgeschriebenen Zehnten sogar noch von dem, was ich bei anderen einkaufe!' Der Zolleinnehmer aber stand ganz hinten und getraute sich nicht einmal, zum Himmel aufzublicken. Er schlug sich zerknirscht an die Brust und sagte: 'Gott, hab Erbarmen mit mir, ich bin ein sündiger Mensch!'« Jesus schloss: »Ich sage euch, der Zolleinnehmer ging aus dem Tempel in sein Haus hinunter als einer, den Gott für gerecht erklärt hatte - ganz im Unterschied zu dem Pharisäer. Denn wenn ihr euch selbst groß macht, wird Gott euch demütigen. Und wenn ihr euch selbst gering achtet, wird Gott euch zu Ehren bringen.« 

Jesus erzählte diese Beispielgeschichte nicht explizit bösen Pharisäern, sondern ganz allgemein „einigen Leuten“. Erzählt er es damit auch mir? Von einer Gemeinde hörte ich, wie sich einige heftig empörten, als sie in der Predigt als Sünder angesprochen wurden. Nein, meinten sie, sie seien doch Gerechte und keine Sünder. Sünder wären die da draußen, die Gott nicht kennen und achten. Sind wir Sünder oder Gerechte? Eindeutig Sünder, denn immer wieder werden wir schuldig an Gott, Mitmenschen und der Natur. Weder bringen wir es fertig, unserem Schöpfungsauftrag gerecht zu werden, die Welt zu bebauen und zu bewahren, noch ehren wir Gott so, dass er im Mittelpunkt unseres ganzen Lebens steht, noch lieben wir dauerhaft unsere Nächsten wie uns selbst. Doch als Christen sind wir zugleich Gerechte. Jesus spricht uns gerecht, weil er unsere Schuld auf sich nimmt, unser Unvermögen und unseren Kleinglauben. Seine Gerechtigkeit schenkt er uns und macht uns so zu neuen Menschen. Doch diese Gerechtigkeit erfordert, dass wir unsere Schuld bekennen und ablegen.

Sonst geht es uns wie einer Frau, die eine neue Wohnungseinrichtung geschenkt bekommt, aber sich nicht von ihrem alten, zerschlissenen Sofa und den abgestoßenen Schränken, bei denen die Schubladen verklemmt sind, trennen will. Wenn die Möbelpacker keinen Ort finden, um die neuen Möbel abzustellen, nehmen sie sie wieder mit.

Der Pharisäer wusste um Gottes Gerechtigkeit. Aber er verhielt sich wie die Frau mit der vollen Wohnung. Er war nicht bereit, sein Leben von Gott entrümpeln zu lassen. Er hielt fest an seinen Verdiensten, seiner vorbildlichen Haltung, seinen zerschlissenen Sesseln. Er wollte keine Erneuerung, um sich von nichts trennen zu müssen.

Ich erkenne mich in dem Pharisäer wieder. Ich meine, gerecht zu sein und merke nicht, dass ich meine Gerechtigkeit für Jesu Gerechtigkeit halte. Ich bin nicht bereit, meine Schuld Jesus zu geben, stattdessen verdränge ich sie. Davon gibt es viele Spielarten.

  • Ich leugne die Verantwortung wie Priester und Levit, als sie den Überfallenen am Weg sehen (Lukas 10,29-37).
  • Ich verharmlose und rede mir ein, dass das doch jeder so macht.
  • Ich rede mein Versagen klein – so schlimm ist es doch gar nicht.
  • Ich schiebe die Schuld auf andere – die haben letztlich alles verursacht.
  • Ich lenke mich ab, um nur ja keine Stille zu ertragen, und verhalte mich wie der Pharisäer beim Beten: Ich führe Selbstgespräche statt hinzuhören.
Wie dagegen verhält sich der Zöllner?

Sehnsucht nach Heimat
Er geht zum Tempel hinauf, offenbar hatte ihn Gott angestoßen zu diesem Weg. Ob er einen Mensch getroffen hatte, der ihm einen Spiegel vorhielt wie damals Nathan dem David? Ob ihm in einer stillen Minute klar wurde, dass Gott ihn zu sich rief? Ob eine Lebensführung ihn auf den Weg zum Tempel setzte? Wir wissen es nicht. Wir können nur von unseren Erfahrungen ausgehen, wo es immer diesen Stups von außen braucht, um eingefahrene Wege zu verlassen und in Sackgassen zu wenden. Der Zöllner stellt sich abseits vom Zentrum, er tastet fragend nach Gott. Er sucht Frieden in Gottes Nähe. Er rechnet mit Gottes Gegenwart an diesem Ort. 

Bekenntnis
Der Zöllner legt seine Karten offen auf den Tisch. Er beschönigt nichts. Er rechnet nicht gute Taten mit bösen Handlungen auf. Für ihn steht fest, er ist ein sündiger Mensch. Er ist Gottes Erwartungen an ihn nicht gerecht geworden. Er hat andere verletzt, übervorteilt, übergangen. Er hat Gott ignoriert und seine Liebe ausgeschlagen. 

Adresse
Der Zöllner kannte die Adresse, zu der er sich aufmachen konnte. Er wandte sich an Gott, von dem er Hilfe erwartete. Seine Rettung begann mit den ersten Schritten in Richtung Tempel.

Wir wissen nicht, wie die Hilfe aussah, nur dass er als einer nach Hause ging, den Gott wieder in seine Gemeinschaft aufgenommen hatte. Die Bitte aus Psalm 51 war erhört worden. Der Mann war wieder mit Gott im Reinen, neue Freude wuchs in ihm, neu hörte er auf Gottes Weisung. Er ging wieder in sein altes Zuhause. Das wird sich nicht schlagartig verändert haben. Doch er wird neue Hoffnung und Freude in dieses Zuhause gebracht haben, Lebensumstände werden sich verändert haben. Vielleicht beherbergte er nach Ostern auch eine Hausgemeinde in seinem Zuhause.

Lukas schrieb diese Beispielgeschichte seinem Freund Theophilus, aber auch der Gemeinde damals und uns heute. Adressaten waren nicht Pharisäer, die lasen das Lukasevangelium nicht. 

Offensichtlich hat diese Geschichte auch für uns Bedeutung. Wir bekennen, dass Jesus unser ein und alles ist, und tragen doch so oft wie der Pharisäer unsere Frömmigkeit und guten Werke vor Gott. Wir verdrängen Schuld und meiden stille Momente, in denen Gott mit uns reden will. Durch unsere frommen Selbstgespräche verbauen wir uns die Möglichkeit, neu anzufangen. Wir werden starr, überheblich, selbstgerecht, statt uns ganz in Jesu Gerechtigkeit zu bergen und ihm die Bereiche unseres Lebens anzuvertrauen, die bei uns dringend der Erneuerung bedürfen.

Umkehr geschieht wie bei David oder diesem Zöllner im Gleichnis, indem Jesus in uns neue Sehnsucht nach Heil und Frieden wachsen lässt. Wir werden uns durch seinen Hinweis bewusst, wo wir uns aus Gottes Nähe entfernt haben, und wissen die Adresse, an die wir uns wenden können, zu Jesus. Der wird uns wie der Vater im Gleichnis vom verlorenen Sohn entgegenkommen und uns mit seiner Güte und Barmherzigkeit umfangen.

Vielleicht geht es Ihnen ähnlich wie mir, in Ihnen ächzt es, Sand ist im Getriebe der Seele und des Herzens. Jesus merkt, dass bei uns nicht alles rund läuft. Er will uns damit nicht allein lassen. Wir müssen unsere Schmerzen nicht verdrängen, beschönigen oder abschieben. Das führt nur zu Hornhaut auf der Seele, die dann ganz gefühllos wird. Wir können unser Lebenshaus ausmisten, uns erneuern und uns füllen lassen mit neuem Lebensmut.

Jesus kommt uns entgegen und antwortet auf unsere Bitte um Erneuerung mit Worten aus Psalm 51:
„Ich will dir ein reines Herz erschaffen. Ich erneuere dich und gebe dir Beständigkeit. Ich stoße dich nicht von mir und gebe dir meinen heiligen Geist. Ich schenke dir Freude über deine Rettung und mache dich bereit, mir zu gehorchen.“

Cornelia Trick


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