Gemeinde mit Begeisterung
Gottesdienst am 11.06.2006

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
Pfingstmontag ist der Jugendkreis von einem Pfingstfestival zurückgekehrt. Thema war dort "Be the Church" oder in Anlehnung an einen Slogan dieser Tage "Du bist die Kirche". Die Jugendlichen empfingen die abholenden Eltern voller überschäumender Lebensfreude, sangen miteinander dort gelernte Lieder, jubelten und sprudelten nur so von den erlebten Ereignissen. Sie erzählten auch in Kurzform Inhalte der Verkündigung und zogen das Fazit: "Unsere Gemeinde ist besser als mittel, aber ganz top ist sie nicht, denn die Begeisterung fehlt etwas." Ich konnte ihre Aussage so nachempfinden. Bei uns tanzt niemand im Gottesdienst. Die Leute kichern nicht und jubeln nicht. Manche nehmen ernst, mühsam und belastet am Gemeindeleben teil. Anderen spürt man ab, dass sie durch Jesus von Lasten befreit sind, aber ihre Lebensfreude äußert sich nicht im Tanzen und Singen. Mit Recht deuten die Jugendlichen auf einen Schwachpunkt. Wenn unsere Gemeinde wirklich mit Jesus unterwegs ist, sollte man es dann nicht mehr spüren?

Was ist Begeisterung in der Gemeinde Jesu Christi? Vom ursprünglichen Wortsinn her heißt Begeisterung nichts anderes als vom Heiligen Geist bewegt zu sein. Die Begeisterung ist ein passives Geschehen, dass uns ergreift und in die Gegenwart Gottes hineinstellt. Wer in dieser Gegenwart steht, wird sich entsprechend verändern. Bei den Jugendlichen zeigte sich am Pfingstmontag Begeisterung als ausgelassene Freude, aber sie kann sich auch als Gelassenheit, Barmherzigkeit, Friedensbereitschaft zeigen. Die Jugendlichen haben allerdings klar erkannt, egal, ob wir als Gemeinde tanzen, springen oder einander in Frieden begegnen, der Heilige Geist verändert uns hin zu Jesus Christus.

Der Brief an die Gemeinde in Ephesus beschäftigt sich mit dem Thema, wie Gottes Geist Gemeinde bewegt. Es waren schwierige Zeiten in Ephesus. Judenchristen und Heidenchristen waren vom Heiligen Geist zur Gemeinde zusammen gerufen worden, doch das Zusammenleben gestaltete sich schwierig. Ritualgesetze und kulturelle Prägungen verhinderten ein wirkliches Miteinander. Theoretisch wusste man um die Einheit in Jesus Christus, im Gemeindeleben schlug sich das aber nicht nieder. Das globale römische Reich brachte viele religiöse Einflüsse in die Küstenstadt Ephesus. Es gab einen bunten Bazar an Glaubensrichtungen, aus dem man sich das Passende auswählen konnte. Infolgedessen war die christliche Gemeinde herausgefordert, ihr Profil zu zeigen. Diese Bemühung ließ den christlichen Glauben zunehmend als eine Philosophie neben vielen erscheinen. Das praktische Gemeindeleben, die alltägliche Umsetzung des Glaubens in Handeln blieben auf der Strecke. In diese Situation hinein ist der Brief an die Epheser geschrieben. Im Zentrum des Briefes entfaltet der Apostel die Bedeutung der Gemeinde als Lebensraum für jeden Christen. 

Epheser 4,11-16

Und auch die versprochenen Gaben hat er ausgeteilt: Er hat die einen zu Aposteln gemacht, andere zu Propheten, andere zu Evangelisten, wieder andere zu Hirten und Lehrern der Gemeinde. Deren Aufgabe ist es, die Glaubenden zum Dienst bereitzumachen, damit die Gemeinde, der Leib von Christus, aufgebaut wird. So soll es dahin kommen, dass wir alle die einende Kraft des einen Glaubens und der einen Erkenntnis des Sohnes Gottes an uns zur Wirkung kommen lassen und darin eins werden - dass wir alle zusammen den vollkommenen Menschen bilden, der Christus ist, und hineinwachsen in die ganze Fülle, die Christus in sich umfasst. Wir sind dann nicht mehr wie unmündige Kinder, die kein festes Urteil haben und auf dem Meer der Meinungen umher getrieben werden wie ein Schiff von den Winden. Wir fallen nicht auf das falsche Spiel herein, mit dem betrügerische Menschen andere zum Irrtum verführen. Vielmehr stehen wir fest zu der Wahrheit, die Gott uns bekannt gemacht hat, und halten in Liebe zusammen. So wachsen wir in allem zu Christus empor, der unser Haupt ist. Von ihm her wird der ganze Leib zu einer Einheit zusammengefügt und durch verbindende Glieder zusammengehalten und versorgt. Jeder einzelne Teil erfüllt seine Aufgabe, und so wächst der ganze Leib und baut sich durch die Liebe auf. 

Das Ziel der Gemeinde

Ziel der Gemeinde ist, eins zu sein im Glauben und in der Erkenntnis Jesu Christi. Die geeinte Gemeinde wächst hin zu Jesus Christus, in dessen Einfluss sie immer schon lebt, sie erfährt seinen Geist und ist während des Wachstumsprozesses eng mit Jesus Christus verbunden. 

Letzte Woche pflanzten wir vor unser Gemeindezentrum eine große, schlanke Hainbuche. HainbucheSie wurde mir zum Sinnbild für diese Aussagen vom Ziel der Gemeinde. Jede Person, die zur Gemeinde gehört, ist ein Blatt an diesem Baum. Die Blätter sind auf das Ziel ausgerichtet, nach oben zum Licht. Die Blätter leben von diesem Licht, aber auch von Wasser und Mineralien, die von den Ästen aus dem Wurzelgrund transportiert werden. Der Baum wird Früchte hervorbringen. Jedes einzelne Blatt wirkt daran mit, dass Früchte sich entwickeln können, indem das Blatt die Sonnenenergie aufnimmt und umwandelt in Stärke für die Früchte. 

In Ephesus wurde aus Juden und Heiden ein gemeinsamer Baum, der in Gottes Wurzelgrund wuchs und Jesus Christus entgegen wuchs. Ziel war nicht, dass sich der Baum in der Mitte spaltete und zwei verschiedene Spitzen bildete, sondern dass er immer mehr zur Einheit wurde. 

Ziel der Gemeinde hier ist genauso, dass wir in unserem Glauben eine Einheit werden wie der Baum, der nun vor unserer Kirche heranwächst. Theoretisch werden wir alle diesem Ziel zustimmen können. Aber haben wir es wirklich im Blick? Unsere Hainbuche wächst nicht durch theoretische Bekenntnisse hoch zum Himmel, sondern durch ganz praktische Bedingungen. Sie braucht Orientierung und Pflege.

Orientierung gibt dem Baum das Licht von oben. Käme es nur von der Seite, würde die Hainbuche krumm wachsen, dem seitlichen Licht entgegen. Auch die Gemeinde braucht für ihr Wachstum hin zur Einheit Orientierung von oben. Dafür ist der Gottesdienst einmal die Woche zu wenig. Man stelle sich vor, die Hainbuche würde nur einmal die Woche den Himmel über sich geöffnet haben, die anderen Tage würde Licht aus allen möglichen anderen Richtungen kommen, vielleicht auch gar keines.

So aber verstehen wir manchmal Orientierung durch Jesus Christus. Wir wundern uns, warum wir nicht auf Christus hin zusammen wachsen und sehen uns doch nur einmal die Woche, hören nur einmal die Woche auf Gottes Wort, lassen ihn nur einmal die Woche längere Zeit zu Wort kommen. Wir brauchen dauerhaftere Orientierung auf das Licht hin. Dazu helfen uns Kleingruppen, die den Kontakt unter der Woche aufrecht erhalten, die uns anleiten, bei Jesus zu bleiben mitten im Alltag, die uns auch in dunklen Situationen den Himmel öffnen, dass wir Jesus sehen können.

Es reicht allerdings nicht, eine Kleingruppe zu besuchen und dort das eigene Herz auszuschütten. Da können wir auch auf die Müllkippe gehen, wenn wir nur unseren eigenen Müll loswerden wollen. Wichtig ist ja gerade, das Licht zur Orientierung aufzunehmen, uns dem Licht entgegenzustrecken, Jesu Liebe aufzusaugen. Vielleicht können wir manchmal unseren Austausch in der Kleingruppe kürzer halten, um dem Licht mehr Raum zu geben. Jesu Gegenwart, die Bibel, Lieder mit geistlichem Inhalt lassen uns wachsen und auch zusammen wachsen, darum geht es, wenn wir uns treffen.

Manchmal brauchen wir auch wahre Lichtkuren. Da reicht es nicht, mit einer Gruppe das Licht aufzunehmen. Da brauchen wir die ganz intensive Zuwendung Jesu. Für mich persönlich geschieht das in Gebet und Gebetsgemeinschaften, mit einem Seelsorger, im Lesen eines weiterführenden Buches. Da merke ich, wie ich gar nicht lange über meinen Müll reden muss, sondern einfach den Geist Jesu empfangen kann, der mir wieder die Perspektive nach oben und die Liebe zu meinen Geschwistern schenkt.

Pflege, so sagte uns der Gärtnermeister, braucht unsere Hainbuche kaum. Allerdings wollte er einmal im Jahr unseren Baum beschneiden. Das ist wichtig, damit der Baum nicht aus der Form gerät und seine Kraft an den falschen Stellen investiert. Pflege braucht auch die zur Einheit aufgerufene Gemeinde. Schnitte sind nötig, um dazu beizutragen, dass die Gemeinde ihr Ziel erreicht.

Zwei mögliche Schnitte möchte ich aufzeigen. Zum einen ist es die persönliche Umkehr jedes Einzelnen, der zur Gemeinde gehört. Ich muss mich von Jesus in Frage stellen lassen, ob ich ihm noch entgegen wachse, oder schon längst die Orientierung verloren habe. Ich muss bekennen, wo ich meinen Beitrag zur Gemeinde nicht aus Liebe zu Jesus geleistet habe, sondern aus dem Drang, etwas vor anderen zu gelten oder mein schlechtes Gewissen zu beruhigen. Ich muss mir vergeben lassen, wo ich mich nicht nach dem Licht Jesu in meinem persönlichen Denken ausgerichtet habe, sondern nach Wertvorstellungen meiner Umgebung. Ich bin gefragt, mich für Jesus wieder in Form bringen zu lassen. 

Der zweite Schnitt setzt an unseren Beziehungen an. Wir müssen unsere "alten Geschichten" von Jesus beschneiden lassen. Sie ziehen unsere Blätter nach unten, statt sie dem Licht nach oben entgegen zu strecken. Wir können keine Einheit in der Gemeinde werden, wenn wir festhalten an Verletzungen, Missverständnissen und Einschätzungen aus der Väter Tagen. Natürlich bleiben nach Wunden Narben, natürlich wird ein einmal gebrochenes Vertrauen nicht zu dicker Freundschaft über Nacht. Doch die alten Geschichten dürfen uns nicht daran hindern, immer wieder neu mit Gottes Geist zu rechnen, der Frieden bringt, heilt, Versöhnung ermöglicht und Menschen verändern kann. Und was einmal abgeschnitten ist, das sollten wir nicht aufbewahren und in den Glasschrank stellen, es gehört in den Mülleimer und Deckel drauf.

Der Weg

Der Apostel nennt als Weg zum Wachsen in Einheit die Liebe zueinander. Er betont, dass die Liebe die einzelnen Gemeindeglieder zusammenhält und durch die Liebe Jesu Willen weitergegeben wird. Bei unserer Hainbuche ist die Liebe das Wasser, das aus dem Boden in die kleinsten Blättchen gepumpt wird. Hat der Baum kein Wasser mehr, verdorrt er und verliert irgendwann die Blätter. Er kann sich immer noch zum Licht ausstrecken, aber er ist tot, abgestorben. Es kann auch vorkommen, dass einzelne Äste beschädigt sind und das Wasser nicht weiterfließen kann. Dann sterben die Äste ab, der Baum überlebt.

Um als Gemeinde in Einheit zu wachsen, ist es wichtig, die Äste nicht von der Liebesversorgung abzuschneiden, jedes Blatt braucht Jesu Liebe, um am Leben zu bleiben. Der eine Ast gibt das Wasser weiter an den nächsten, das eine Blatt lässt das Wasser fließen zum nächsten.

Ein anderes Bild aus der Natur ergänzt für mich das Thema: Ein Vogel hat besondere Federn an seinen Flügeln, Schwungfedern. Diese Federn zeichnen sich dadurch aus, dass sie auf der einen Seite des Federkiels so genannte Äste ausbilden, die wie Bögen geformt sind, auf der anderen Seite Äste, die wie Haken aussehen. Beim Fliegen greifen Bögen und Haken ineinander und bilden ein perfektes Federgewebe, das keine Luft mehr durchlässt und die Aufwinde fängt. Der Vogel kann durch die einzigartige Konstruktion wirklich fliegen.

Gemeinde, die ihre Aufgabe in der Welt erfüllen will, braucht Menschen, die sich an der Hand fassen und ein dichtes Netz bilden. Dann ist sogar Fliegen möglich. Dafür braucht es die Bereitschaft, die Hand des anderen zu ergreifen, egal, wer gerade neben mir steht. Es braucht das Gespräch über unser Ziel und unsere gemeinsame Aufgabe als Gemeinde. Es braucht das Eingeständnis, dass keine Feder für sich allein fliegen kann, kein Blatt am Baum allein Frucht bringen kann. Vielleicht am schwersten ist es, der Hand des anderen zu trauen, dass sie hält, das Gleiche will und von Gottes Geist Kraft bekommt.

Der Apostel spricht auch die Gaben an, die wichtig sind, um die Aufgaben der Gemeinde zu erfüllen. Er nennt besonders die Gaben, die mit Gottes Wort und der Lehre zu tun haben. In Ephesus waren gerade diese Gaben nötig, um die Gemeinde wachsen zu lassen. Ich möchte für uns neben diesen noch eine andere Gabe benennen. Es ist die Gabe des Dienens, die manche wirklich als Geistesgabe geschenkt bekommen haben. Nötiger denn je brauchen wir Gemeindeleute, die diese Gabe haben oder sich neu schenken lassen. Sie ist das genaue Gegenstück zu unserer Gesellschaft, in der oft jeder seine eigenen Schäfchen ins Trockene bringt. Sich vorbehaltlos für Jesus einzusetzen ohne zu fragen, was es bringt, ohne Publikum und Beifall, ist so nötig, um unsere Aufgaben zu meistern und miteinander dranzubleiben. Vom Gottesdienst bis in die kleinsten Aufgaben wird eine Gemeinde, die durch das Dienen bestimmt ist, Ausstrahlung haben und auf Jesus hinweisen können, der uns allen die Füße wäscht.

Auch von Gefahren spricht der Apostel, die die Blätter lose im Wind von einer Seite zur anderen treiben lassen. Im Bild der Hainbuche kann das nur geschehen, wenn der Kontakt zum Baum abgerissen ist durch Unfall, Wassermangel oder Finsternis. Wir müssen nicht wie ein trockenes Buchenblatt auf der Straße hin und her wehen. Wir dürfen Jesu Liebe, sein Licht und seinen Geist aufnehmen, einander an die Hand nehmen und wirklich begeistert wachsen. Und auch wenn nicht alle dabei tanzen und springen, jeder sollte uns abspüren, dass der Heilige Geist uns begeistert hat und wir zu dieser Hainbuche gehören, die zum Himmel wächst.

Cornelia Trick


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