Innehalten
Gottesdienst am 15.07.2007

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
eine Frau lernt einen Mann kennen, es ist Liebe auf den ersten Blick. Alles scheint zu passen, schnell wird geheiratet. Einige Jahre später bekennen beide: "Ach, hätten wir uns doch besser kennen gelernt, bevor wir uns endgültig füreinander entschieden haben. Wir haben eigentlich nichts, was uns verbindet. Was haben wir uns nur damals gedacht? Dass Verliebtsein ein Leben lang anhält und blind macht?" Die Frau beschwert sich, dass ihr Mann nie Abstand von seiner Herkunftsfamilie bekommen hat, er immer mit einem Bein und halbem Herzen bei den Schwiegereltern wohnt. Der Mann wendet ein, dass sie sich nie wirklich für sein Leben interessiert hat, nie nachfragt, was bei der Arbeit läuft, ihn stattdessen volltextet mit irgendwelchen Neuigkeiten, die ihn nicht interessieren. Beide, so ist ihr Fazit, hätten sich vor der Ehe klar werden müssen, was die Ehe für sie bedeutet und was jeder und jede für sich ändern müssen, um zueinander zu finden.

Ehe ist die innigste Form der Beziehung zwischen zwei selbstständigen erwachsenen Menschen. Sie ist schon von den Propheten Israels mit dem Verhältnis Gottes zu seinem Volk Israel verglichen worden. Auch Jesus bezeichnete sich als den Bräutigam, der auf seine Braut, die Gemeinde, wartet. 

Wer mit Gott und seinem Sohn Jesus Christus leben will, tritt in eine Art Ehe ein. Diese Beziehung zu Gott zeichnet sich durch Ausschließlichkeit und Treue aus und ist die beste Verbindung, um etwas in dieser Welt zu bewegen.
Jesus warb für die Ehe mit Gott. Die Leute liefen Jesus euphorisch hinterher. Sie waren verliebt in Jesus, weil er ihre innersten Sehnsüchte befriedigte und Licht in ihre Dunkelheiten brachte. Mitten in den Rausch der Verliebten rief Jesus: Setzt euch erst mal hin! Haltet inne! Macht euch klar, lebenslang mit mir verbunden zu bleiben, und dann sprechen wir über Nachfolge.

Lukas 14,25-33

Es ging aber eine große Menge mit Jesus; und er wandte sich um und sprach zu ihnen: Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern und dazu sich selbst, der kann nicht mein Jünger sein. Und wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein. Denn wer ist unter euch, der einen Turm bauen will und setzt sich nicht zuvor hin und überschlägt die Kosten, ob er genug habe, um es auszuführen, - damit nicht, wenn er den Grund gelegt hat und kann's nicht ausführen, alle, die es sehen, anfangen, über ihn zu spotten, und sagen: Dieser Mensch hat angefangen zu bauen und kann's nicht ausführen? Oder welcher König will sich auf einen Krieg einlassen gegen einen andern König und setzt sich nicht zuvor hin und hält Rat, ob er mit Zehntausend dem begegnen kann, der über ihn kommt mit Zwanzigtausend? Wenn nicht, so schickt er eine Gesandtschaft, solange jener noch fern ist, und bittet um Frieden. So auch jeder unter euch, der sich nicht lossagt von allem, was er hat, der kann nicht mein Jünger sein. 

Jesus ist unterwegs mit einer Menge Leute, und mitten in der Wanderung thematisiert er das Hinsetzen. Die Leute sollten Jesus nicht im Überschwang der Gefühle nachlaufen, um dann nach kurzer Zeit anderen Heilsbringern nachzurennen, wenn die ersten Schwierigkeiten auftauchen. Jesu krasse Rede provoziert ein Aufmerken der Menge.

Irritation: Mit Jesus zu leben bedeutet offensichtlich nicht nur Begeisterung und Lebensfreude, sondern Hass auf die Familie und auf sich selbst bis hin zum Kreuztragen. Der Sinn dieser irritierenden Worte erschließt sich, wenn wir an die Eheleute denken, die sich übereinander beschwerten. Man kann nicht gleichzeitig vorangehen (mit Jesus) und zurückgezogen werden (zur Herkunftsfamilie). Dann wird man innerlich zerrissen. Genauso wenig, wie jemand zwei Herren dienen kann, kann er Gott und der Familie die gleiche Priorität und Autorität einräumen. Jesus gebraucht hier "hassen" nicht als Beschreibung eines Gefühls oder einer Leidenschaft, sondern als eine Handlung, die es möglich macht, sich zu trennen und einen neuen Weg einzuschlagen. Genauso ist der Selbsthass zu verstehen. Es geht Jesus nicht darum, dass Christen sich selbst ablehnen bis hin zur Selbstzerstörung. Dies würde seiner Liebe, die er zu uns Menschen hat, zutiefst widersprechen. Aber er provoziert die Auseinandersetzung mit dem Ich. Bin ich bereit, meine Pläne und alles, was ich bis jetzt für richtig erachtete, von Jesus ändern zu lassen? Bin ich bereit, mein Leben für ihn zur Verfügung zu stellen bis hin zum Märtyrertod?

Beschämung: Jesus erzählt zwei Gleichnisse. Das erste spielt in einem Dorf. Ein Mitbürger baut einen Turm, aber dieser Turm bleibt als Bauruine stehen, der Mitbürger ist bankrott gegangen. Kein Wunder, dass ihn auf der Straße spöttische Blicke treffen und er am Stammtisch ordentlich durch den Kakao gezogen wird. Ich erinnere mich an einen Besuch bei einem Onkel im Kraichgau, der dort ein kleines Haus gebaut hatte. Haus im BauHinter seinem Haus stand ein unvollendetes Haus im Rohbau. Er erzählte uns groß und breit, wie der Nachbar kein Geld mehr hatte. Das war für ihn viel spannender, als über seine eigenen Finanzen zu reden.

Das zweite Beispiel handelt von dem Krieg führenden König, der bei einer drohenden Niederlage doch eher in Friedensverhandlungen eintreten wird, um nicht elend verspottet zu werden. Wir sehen die Schlagzeilen über Präsident Bush vor Augen. Wir wünschten ihm, dass er die Klugheit des Königs besitzen würde, um noch mehr Schaden im Irak zu vermeiden. Vielleicht fehlt ihm ja das Hinsetzen und Innehalten, um sich nicht immer tiefer in den Konflikt zu verstricken.

Schärfe: Jesus macht klar, dass es nicht um halbe Sachen geht. Man kann nur ganz zu Jesus gehören oder gar nicht. Er will keine Massenhysterie und keine Massentaufen, sondern ruft jeden und jede einzelne vor Gott. Er fragt sehr persönlich: Bist du bereit, dich zu mir zu stellen? Und wenn du das willst, beachte die Risiken und Nebenwirkungen.

Auch wenn sich viele von uns schon für Jesus entschieden haben, bleiben die Gleichnisse vom Turm und vom König doch aktuell. Wir werden durch die Aufforderung zum Hinsetzen aus unserem gemütlichen Nachfolgetrott aufgescheucht. Jesus fragt: Hast du dich getrennt von inneren Antreibern, die nichts mit Jesus zu tun haben? Hast du dich von Menschen getrennt, die dich von Jesus fortziehen? Hast du die Situationen erkannt, die Nachfolge für dich so schwierig machen? Und hast du dich verbunden mit Jesus Christus? Lässt du dich von ihm tragen? Bist du bereit, dich selbst zu verändern und dich zu erkennen, wie du bist?

Hast du dich getrennt?

Die Familie kann jemand von der Nachfolge abhalten, doch viel stärker sind die Bindungen in unserer Seele. Solche Bindungen sind wie innere Antreiber, die die Gesetze unseres Lebens festlegen und uns immer und immer wieder in eine bestimmte Richtung zwingen. 

Ein innerer Antreiber heißt "Mach alles richtig, denn Fehler zu machen ist verboten". Wer mit diesem inneren Gesetz lebt, wird keinen Mut zum Aufbruch haben. Er wird sich nicht trauen, einen neuen Weg einzuschlagen, denn das Risiko zu versagen ist zu groß. Er wird sich selbst gegenüber unbarmherzig werden, denn die eigenen Fehler sind ja eine Bankrotterklärung an seinen inneren Gesetzeshüter. So wird er seine Fehler gerne verharmlosen, sie anderen in die Schuhe schieben oder sie ganz einfach leugnen. Jesus wird diesen inneren Antreiber nicht neben sich dulden. Seine Botschaft ist ja gerade nicht, dass Fehler nicht sein dürfen, sondern dass Fehler vergeben werden können. Wer Fehler nicht zugibt, bringt sich um die Chance, aus ihnen zu lernen und sie so langsam zu überwinden.

Ein anderer Antreiber lautet: "Je mehr du leistest, desto mehr bist du wert." Wer diesen Antreiber in sich spürt, wird immer und überall arbeiten und leisten. Das ist an sich nicht schlimm, bekommt aber da eine völlig falsche Färbung, wenn Leistung zur Bedingung von Liebe wird. Denn warum sollte Gott die Menschen lieben ohne Leistungsnachweise? Der Verstand sagt, dass Gott vorbehaltlos liebt, der innere Antreiber hält dagegen, dass Gott umso mehr liebt, je mehr man sich für ihn abrackert. Aus dieser Haltung wird Verbissenheit, wächst Konkurrenzkampf um die ersten Plätze bei Gott und schließlich tiefste Verzweiflung, wenn die Kraft nachlässt. Jesus nimmt mit diesem Antreiber den Kampf auf. Er lässt nicht zu, dass jemand ihm seine Leistung vorhält, um bessere Karten zu haben. Er stellt stattdessen ein Kind in die Mitte und macht es den Leuten um ihn herum zum Vorbild für Gottvertrauen ohne Vorleistung.

Noch ein Antreiber, der uns in unserer Zeit sehr häufig begegnet, heißt: "Du darfst von niemand abhängig sein." Hinter diesem Antreiber steht oft die Angst vor Enttäuschung. Wer allein verantwortlich ist und keine Hilfe braucht, kann nicht im Stich gelassen werden, muss sich mit niemand arrangieren und keine Kompromisse eingehen. Er muss sich nicht verändern, sondern kann seine Linie ohne Probleme beibehalten. Doch die Kehrseite erlebt man ja auch. Dass ein solcher unabhängiger Einzelgänger andere vor den Kopf stößt, die ihm seine Freundschaft anbieten, dass der Unabhängige keine Korrektur mehr erfährt und sonderlich wird, schließlich ein großes Defizit an Liebe und Geborgenheit spürt, weil er sich nirgends anlehnen kann. Jesus dagegen wirbt um Abhängigkeit. Er kann nicht mit Menschen zusammen leben, die von ihm unabhängig bleiben wollen. Es ist wie wenn Jesus ein Feld wässern würde, das mit einer großen Plastikplane immun gegen den Regen wäre. Der Same könnte nicht aufgehen und sich entwickeln.

Sicher sind auch Menschen und Situationen zu bedenken, die von Jesus abhalten, doch viel stärker sind die inneren Antreiber unserer Seele, die oft unbewusst die Wege vorgeben, die wir gehen sollen. Hier ist der Ort, wo Jesus am radikalsten aufräumen will und wirklich alles ganz neu werden kann.

Hast du dich verbunden?

Ein bisschen mit Christus zu leben, geht nicht. Eine christliche Gesinnung ist wie ein Bilderrahmen um ein Foto. Der Bilderrahmen schmückt das Foto, steigert seine Bedeutung und gibt die Kontur vor, aber er verändert das Foto nicht. Christlich gesinnt sein ist wie ein Bilderrahmen. Man geht in die Kirche, mindestens einmal im Jahr, man betet, wenn einem danach ist, man hält religiöse Werte hoch, aber Jesus verändert nicht das Leben. Er ist nur die Deko für das weiterhin selbstbestimmte oder von inneren Antreibern bestimmte Leben. Genauso wenig, wie man ein bisschen heiraten, ein bisschen Geschäftsführer, ein bisschen Mutter sein kann, kann man auch nicht nur ein bisschen Christ sein.

Wer sich ganz mit Jesus verbunden hat, lässt ihn an die inneren Antreiber heran. Er oder sie kann diese inneren Gesetzgeber benennen und sie Jesus bringen mit der Bitte, dass Jesus hilft, sie in die Schranken zu weisen und ihnen die Macht zu nehmen. Ohne Selbsterkenntnis können wir uns nicht entwickeln. Wir kennen dann vielleicht das Idealbild eines Christen und spüren, dass wir so sein "sollen", aber wir werden es nicht schaffen. Die ständige Diskrepanz lässt uns verkrampft erscheinen, mit aufgesetztem Lächeln und müdem Herzen. 

Wir feiern heute Abendmahl. Es ist die Gelegenheit für uns, uns hinzusetzen und Bilanz zu ziehen. Jesus hat alles für uns getan. Er will mich durch das Leben tragen und mich befreien von der Angst zu versagen. Er schenkt mir Brot und Wein, um seine Gegenwart neu zu spüren. Und er sagt uns zu, dass seine Kraft ausreicht, um unsere Türme fertig zu bauen und unsere Kriege, z.B. gegen die inneren Antreiber, erfolgreich zu bestehen. Er setzt an die Stelle von "du musst" das "Jesus wird dich finden". Es ist eine große Chance, mit Jesus eine Lebensgemeinschaft einzugehen. Wir können getrost alles dafür einsetzen, denn niemand liebt uns so wie er, der uns zuspricht:
"Dieser mein Sohn, diese meine Tochter, ist lebendig geworden, er und sie war verloren und ist gefunden worden!" (nach Lukas 15,24)

Cornelia Trick


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