Neue Steine für den Bau
Gottesdienst mit Gliederaufnahme am 09.11.2003

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
vor der Kirchentür liegen drei Zeller-Poroton-Steine. Darauf ist ein Brief geheftet: "Liebe Gemeinde Neuenhain, im Auftrag Jesu lege ich hier drei Steine ab und bitte euch, sie sinnvoll in euer Gebäude einzubauen. Jesus lässt euch ausrichten, dass er euch gerne dabei hilft. Seine Telefonnummer kennt ihr ja. Mit freundlichen Grüßen, ein Beauftragter des Herrn."

Und nun? Was machen wir mit diesen Steinen? Jemand ruft: Ein Glockenturm muss endlich gebaut werden, das ist schon mal ein Grundstock. Eine andere schlägt vor, einen Erker in die Welt hinaus zu bauen. Jemand möchte den Gottesdienstraum im hinteren Bereich vergrößern, dass noch mehr in die Kirche passen. Eine meldet sich zu Wort und meint, sie würde die Steine in den Keller legen und warten, bis noch mehr vor der Tür liegen. Dann erst könnte man ja etwas Gescheites damit machen. Dem widerspricht ein anderer. Nein, sagt er, wir brauchen nur eine klare Vision, wo es hingehen soll, dann reichen auch drei Steine zum Bauen. So geht die Zeit dahin und die Diskussionen nehmen kein Ende. Die drei Steine werden hin und her gewälzt, begutachtet und schließlich doch liegen gelassen. Der richtige Wurf will nicht gelingen. 

Da liest jemand noch mal aufmerksam den Zettel, der den drei Steinen vor der Tür angeheftet war. Und er ruft eine Gebetsgemeinschaft zusammen. Ein paar treffen sich und beten: "Herr, wo willst du diese Steine haben? Was ist ihr Platz in dieser Gemeinde und was willst du uns damit sagen?" Sie sind sich sicher, Jesus wird antworten und den Platz zuweisen.

Heute feiern wir Aufnahme in die Kirchengliedschaft, drei Menschen haben sich entschieden, den verbindlichen Schritt in die Gliedschaft zu tun und sich in die Gemeinde ganz hineinzubegeben. Das Bild des Gemeindebaus wird im Epheserbrief beschrieben. Es soll uns heute leiten.

Epheser 2,19-22

So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen, erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist, auf welchem der ganze Bau ineinandergefügt wächst zu einem heiligen Tempel in dem Herrn. Durch ihn werdet auch ihr miterbaut zu einer Wohnung Gottes im Geist.

Ihr seid Gottes Hausgenossen

Offenbar gibt es einen Unterschied zwischen Steinen, die fest in das Bauwerk integriert sind und solchen, die "Gäste und Fremdlinge" genannt werden. Schauen wir zurück auf die Situation des Epheserbriefes, so sind hier die Heiden angesprochen. Sie waren aus Sicht der Juden Gäste und Fremdlinge. Sie waren höchstens im Tempelvorhof zugelassen, gehörten aber nicht zur eigentlichen Glaubensfamilie dazu. Mit Jesus Christus hatte sich ihr Status grundlegend verändert. Durch Jesus hatten sie nun freien Zugang zu Gott, kein jüdisches Gesetz konnte ihnen mehr den Zugang verweigern. Sie gehörten zur Gottesfamilie hinzu, weil Jesus auch für sie gestorben und auferstanden war.

Wer sind die Gäste und Fremdlinge bei uns? Konsequent in unsere Zeit übersetzt sind es die, die Gott nicht kennen als den Vater Jesu Christi. Es sind Leute, die zwar eine Vorstellung haben können, dass es Gott gibt und dass der irgendwie gut tut, aber die nicht auf seine bedingungslose Liebe vertrauen, weil sie ihn nie so erfahren haben. Es sind unsere Nachbarn, Kollegen, manche Freunde, die wie Gäste dabei sitzen, wenn wir von unserem Glauben erzählen, aber eben aus der Distanz, höflich, durchaus interessiert, doch unbeteiligt.

Gottes Hausgenossen sind in einer ganz anderen Position. Sie teilen ihr Leben mit Gott. Sie halten von ihm keinen höflichen Abstand. Sie haben auch keine Zweitwohnung, in die sie sich zurück ziehen, wenn es ihnen in Gottes Nähe zu anstrengend wird. Sie sind einfach da, wenn Gott mit ihnen reden will, sie aufsucht, ihnen etwas auf den Weg geben will. So betrachtet, sind Gottes Hausgenossen alle Christen, die Jesus als ihren Herrn und Retter kennen gelernt haben und sich ihm anvertrauen. Nach dem Bild des Apostels sind diese Christen hineingestellt in die Gemeinde Jesu Christi. Sie sind Bausteine in seinem Bau.

"Ihr seid!", dies stellt der Apostel fest, es liegt nicht in unserem Belieben, ob wir als Christen nun Bausteine sein wollen oder nicht. Wohl hängt es von uns ab, ob wir uns in eine konkrete Ortsgemeinde eingliedern lassen oder lieber auf einem Steinehaufen vor der Tür liegen bleiben. Das ändert aber nichts daran, dass wir als Christen eine Bestimmung haben und die lautet, uns einfügen zu lassen in die Gemeinde Jesu Christi, die sich immer in der konkreten Gemeinde vor Ort widerspiegelt.

Eckstein ist Jesus Christus

Was ein Eckstein ist, darüber gibt es viele Vermutungen. Von meiner Lego-Zeit her waren das Steine, die eben um die Ecke gingen und die Mauern zusammen gehalten haben. Doch hier hat der Eckstein offenbar eine viel zentralere Funktion. Wenn bei einem Haus das Fundament gelegt wurde, nahm man als erstes den Eckstein und richtete ihn so aus, dass die Mauern nach ihm ihre Position bekamen. Der Eckstein war der Anfang des Fundaments und der Richtungsgeber des Bauwerks.

So Jesus Christus für die Gemeinde zu sehen, heißt, ihm nicht nur zuzutrauen, dass er widerstrebende Kräfte zusammen bindet, sondern dass er die Grundlage jeder Gemeinde bildet und ihr die Richtung gibt. 

Fundament sind die Apostel und Propheten

Für die Epheser war es wichtig, das Fundament ihrer Gemeinde immer wieder in den Blick zu bekommen. Apostel und Propheten der ersten Zeit nach Jesu Auferstehung gaben die Vorgaben für die Gemeinde. Ihr Wort hatte Gewicht und Einfluss. Sie waren am nächsten dran an der Lehre und am Leben Jesu. Apostel standen für sein Wort, Propheten für die Auslegung dieses Wortes in die Gegenwart der Gemeinde.

Heute ist unser Fundament die Bibel. Alles was wir als Gemeinde sagen und tun, muss sich von ihr ableiten und an ihr messen lassen. Jede Entscheidung ist an ihr zu prüfen. Wenn wir ein Bauprojekt haben, prüfen wir, ob es Jesu Sendung in die Welt entspricht und uns dabei hilft, Menschen mit dem Evangelium zu erreichen. Wenn wir unseren Gottesdienstablauf verändern, prüfen wir, ob die Änderung uns hilft, Gott besser zu loben, ihn besser zu verstehen, ihm stärker unsere Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Wenn wir über unsere Finanzen nachdenken, dann vom Blickwinkel Gottes aus, der uns alles geschenkt hat, damit wir damit Gutes tun und ihn preisen.

Genauso wichtig wie die Bibel ist die Auslegung der Bibel in unsere Zeit. Es geht ja nicht um verstaubte Worte von gestern, sondern um Worte, die uns heute treffen. Diese Worte werden immer wieder ganz aktuell, wenn sie vom Heiligen Geist Leben bekommen und in unser Leben greifen. Das kann durch die Auslegung einzelner geschehen, aber auch durch das persönliche Studium der Bibel, wo Aussagen uns ins Herz fallen und lebendig werden, Richtungen verändern und in die Zukunft weisen.

Der Bau ist ineinandergefügt

Lego-Bauer von früher kennen das Phänomen. Eine Mauer nur mit 4-ern hochzuziehen, die alle genau übereinander sitzen, führt spätestens beim Dach zum Zusammensturz der Mauer. Sie ist instabil, weil die Steine nicht miteinander verbunden sind. Man muss mit den Steinen abwechseln, sie ineinander greifen lassen und die 4-er versetzt zusammen bauen.

Im Epheserbrief heißt es nun, dass der Bau ineinandergefügt ist. Ich bleibe zunächst am "ineinander" hängen. Wir sind nicht unverbunden nebeneinander in der Gemeinde. Das hätte den Zusammenbruch zur Folge. Das Geheimnis des Baues liegt auch darin, dass wir Beziehungen untereinander haben, einander tragen und getragen werden und einander die Hände reichen. Wo das besonders augenfällig geschieht, ist in unseren Gruppen, in den vielfältigen Mitarbeiterbesprechungen, in den Hauskreisen. Wo das aber auch geschieht, ist sonntags hier im Gottesdienst. Es gibt Sonntage, da stehe ich minutenlang am Ausgang und keine und keiner kommt aus dem Gottesdienstraum. Sie stehen zusammen in kleinen Gruppen, sitzen beieinander und tauschen sich aus. An anderen Sonntagen sitzen Sie in der Teerunde im Anschluss an den Gottesdienst und pflegen da Ihre Beziehungen. Es sind Beziehungen, die noch eine andere Qualität als Freundschaft haben, denn sie leben von der Liebe Gottes, die durch sie strömt.

Auch das Wort "gefügt" gibt mir zu denken. Wir haben unseren Platz nicht durch unser Ermessen eingenommen, wir sind eingefügt. Jesus gibt vor, wo wir hingehören und gebraucht werden. Jemand kann jetzt sagen: Ja, woher soll ich das jetzt aber wissen, wo Jesus mich haben will? Den möchte ich ermutigen, auf seine Gaben zu achten, auf seine Berufung zu hören und die Führungen zu bedenken, die ihn an einen bestimmten Ort geführt haben.

Nie vergessen werde ich eine kleine Hausbibelstunde bei einem Bauern, in der ich als Studentin ab und zu eine Bibelstunde hielt. Sie bestand aus Leuten, die bei dem Bauern in der Nähe wohnten, aber sonst keinen Bezug zu unserer Gemeinde hatten. Als ich gerade im Examensstress war, traf ich eine dieser Frauen und sie sagte mir: Ich bin sicher, dass Sie zur Pastorin berufen sind. Das traf mich. Und es ermutigte mich ungemein. Sie wurde mir zu einer wichtigen Wegweiserin und Helferin, meinen Ort im Bau Gottes zu finden.

Der Bau wächst zu einem heiligen Tempel

Bauherren sind normalerweise froh, wenn der Bau fertig gestellt ist und endlich die Einweihung gefeiert werden kann. Ganz anders denkt offenbar Jesus Christus. Er will den Bau Gemeinde nicht fertig stellen, sondern wachsen lassen. Neue Steine vor der Tür sind der Normalfall, nicht die Ausnahme. Wir haben ja so unsere Schwierigkeiten mit dem Wort Wachstum. Gerne reden wir uns bei ausbleibenden Wachstum heraus und sagen, jetzt wachsen wir eben nach innen - und schrumpfen uns gesund.

Ich möchte mit Blick auf die Bibel das zahlenmäßige Wachstum ansprechen. In der Urgemeinde kamen an einem Tag 3000 Menschen hinzu. Sicher werden unsere Zahlen solche Dimensionen nicht annehmen. Doch Wachstum des Baus Gemeinde meint eben auch, dass Neue dazu gerufen werden, ihr Leben Jesus anvertrauen, sich einbinden lassen in eine konkrete Gemeinde.

Vielleicht sind wir oft zu zaghaft, unsere Bekannten auf die konkrete Gemeinde hin anzusprechen. Wir sind schon froh, wenn sie überhaupt an Gott glauben, eine lose Beziehung zur Kirche haben, vielleicht ihr Kind taufen lassen. Aber nach dem Zeugnis der Bibel sollten wir sie ruhig auch ansprechen auf ihre Berufung, nicht nur im Steinehaufen vor der Kirchentür zu liegen, sondern sich mit anderen Steinen im Bauwerk Gemeinde zu vernetzen. 

Das zahlenmäßige Wachstum ist die eine Seite, das inhaltliche Wachstum die andere. Der Epheserbrief betont besonders die Einheit in Christus und die Liebe, die aus dieser Einheit wächst. Daran ist offenbar das inhaltliche Wachstum einer Gemeinde zu erkennen. 

Wachsen geschieht auch in eine konkrete Richtung. Der Apostel beschreibt diese Richtung als Wachsen vom Haus zum Tempel. Dazwischen liegen Welten. Verheißen ist uns die Vollendung erst in der Ewigkeit, aber genau dort wird es keinen Tempel mehr geben. Im himmlischen Jerusalem wird Gott, wird Jesus der Tempel sein. Wachsen auf das Ziel Tempel heißt also, auf die vollkommene Einheit mit Christus in Ewigkeit hin wachsen, seinen Willen, sein Wesen und seine Liebe völlig verinnerlichen und in Christus leben. 

Zwei Bilder möchte ich als Kontrast nebeneinander stellen:

  • Ein Haus, das einer im Alleingang gebaut hat. Es ist in sich völlig krumm und schief geworden, die Baubehörde hat es nicht abgenommen.
Schiefes Haus
  • Ein Haus, das ein Bild dafür ist, wie Christus seine Gemeinde baut. Jeder Stein hat seinen Platz und alle miteinander spiegeln die Größe Gottes wieder. Christus ist der Eckstein, der die Richtung angibt, das Fundament ist tragfähig für die ganze Last unzähliger Steine und Christus bleibt der Baumeister bei unzähligen Erweiterungen und Umbauten über die Jahrhunderte hinweg.
Kathedrale

Lebendige Steine, die miteinander wachsen auf Christus hin, das sind wir zusammen mit den neuen lebendigen Steinen, weil Jesus Christus uns Leben gibt.

Cornelia Trick


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