Durst nach Leben (Johannes 7)
Gottesdienst am 17.08.2014 in Brombach

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,
der Same der Wüstenakazie wandert durch den Wüstensand, bis ein heftiger Regenguss ihn wässert und zum Sprießen bringt. Dann senkt die Pflanze ihre Wurzeln bis zu 40 Meter tief in den Boden, um eine Wasserader zu erreichen. In den Urschichten findet sie neben Wasser auch Nährstoffe und wächst zu einem widerstandsfähigen Baum heran. Menschen kommen und lagern sich im Schatten,  eine Mini-Oase mit anderen Pflanzen, die sich bei der Wüstenakazie ansiedeln, entsteht.

Jesus haben wir jetzt eine Weile aus der Perspektive des Johannesevangeliums begleitet. Jesus hatte über 5000 Menschen satt gemacht und dabei seine Jünger einer Prüfung unterzogen. Daran schloss er eine lange Rede an, um den Menschen nahe zu bringen, dass er das Brot des Lebens ist. Einige Jünger trennten sich daraufhin von Jesus. Sie wollten sich nicht ganz auf Jesus einlassen. 12 sind geblieben, und Petrus stellte für sie stellvertretend fest: „Wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens.“

So sind wir nun weiter mit den Jüngern und Jesus unterwegs in Galiläa. Es ist die Zeit des Laubhüttenfestes, eines großen Erntedankfestes in Jerusalem. Eine Woche wurde gefeiert mit dem letzten Tag als Höhepunkt. Da wurde im Morgengottesdienst Wasser aus der Siloah-Quelle in den Tempel gebracht. Jesu Plan war, dieses Fest heimlich zu besuchen, denn ein Tötungsbeschluss gegen ihn war schon gefasst, doch seine von Gott bestimmte Zeit noch nicht gekommen.

Drei Menschengruppen säumen seinen Weg:

Die Brüder

Johannes 7,3-5

Da sagten seine Brüder zu ihm: »Du solltest nicht hier bleiben, sondern nach Judäa gehen, damit deine Anhänger dort die großen Taten zu sehen bekommen, die du tust. Wenn jemand bekannt werden möchte, versteckt er sich nicht. Wenn du schon solche Taten vollbringst, dann sorge auch dafür, dass alle Welt davon erfährt!« Denn nicht einmal seine Brüder schenkten ihm Glauben.

Die Brüder Jesu wollen ihn dazu bewegen, sich in Jerusalem öffentlich zu zeigen. Ihre Absicht tarnen sie: „Du willst doch bekannt werden“. In Wirklichkeit wollen sie sich wohl in Jesu Ruhm sonnen, wie er beliebt sein und in der Menge baden. Jesus lehnt ihre Bitte ab, denn nicht einmal seine Brüder verstehen seinen Auftrag. Er ist nicht in diese Welt gekommen, um sich feiern zu lassen, sondern ans Kreuz zu gehen. Das wird seine öffentliche Jerusalemreise einige Zeit später zur Folge haben. Wer mit Jesus mitgeht, wird wie er verfolgt werden, von der Sonnenseite keine Spur.

Sind uns die Brüder so fern? Wie einfach scheint es, an Jesus zu glauben, weil er nützlich ist und unseren Lebensweg besonnt. Wir brauchen ihn für unsere Feste und Wegstationen als Dekoration. Unser Leben wird durch Jesus göttlich aufgewertet. Jesus distanziert sich von dem Wunsch seiner Brüder und schickt sie allein zum Fest nach Jerusalem. Nicht er begleitet uns zu unseren Festen, sondern wir ihn zu seinen Terminen. Bei Taufen, der Konfirmation und der Trauung ist er Gastgeber und lädt die Festgesellschaft zu sich ein. Wir feiern nicht uns selbst, sondern ihn in unserer Mitte.

Es drängt sich hier die Frage auf, ob die, die noch keine enge Beziehung zu Jesus haben, keine kirchlichen Feste feiern sollten. Da ist ein Blick auf die Fortsetzung dieser Geschichte aufschlussreich. Jesus kommt dann doch zu der Festgesellschaft dazu. Überraschung ist möglich, dass auch jemand, der nie gedacht hätte, dass Jesus ihm wichtig werden könnte, ihm begegnet. Die Brüder Jesu, so wissen wir von der Überlieferung, kamen nach Jesu Auferstehung zum Glauben an ihn.

Die Menge in Jerusalem

Johannes 7,10-13

Nachdem seine Brüder zum Fest nach Jerusalem hinaufgegangen waren, kam Jesus nach; aber er zeigte sich nicht in der Öffentlichkeit. Die führenden Männer suchten ihn unter den Festbesuchern. »Wo ist er?«, fragten sie. In der Volksmenge wurde viel über ihn geflüstert. »Der Mann ist gut«, meinten einige. Andere entgegneten: »Nein, er ist ein Volksverführer.« Aber niemand sprach offen über ihn, weil sie Angst vor ihren führenden Männern hatten.

Die Leute kommen von weit her, um in der Stadt das Laubhüttenfest zu feiern, sie sind in Partylaune. Gerüchte über Jesus kursieren: Ist er gut oder schlecht? Sie sind beeinflussbar und sind überzeugt, dass die Oberen das richtige Urteil über ihn sprechen werden. Wenn sie ihn verhaften, ist er schlecht, wenn sie ihn gewähren lassen, ist Jesus gut. 

Wer ist das Volk heute? Sind es die Zuschauer am Rand, die Angst haben, zu interessiert zu wirken? Doch ihre Haltung bringt ihnen nichts. Sie verpassen eine persönliche Begegnung, und einen Erkenntnisgewinn haben sie auch nicht. Besser wäre es, näher heranzugehen und selbst herauszufinden, ob Jesus gut oder schlecht ist. Das erfordert allerdings Mut, sich auf die Seite des Lebens zu stellen.

Die Oberen

Johannes 7,32+45-52

Die Pharisäer hörten, dass die Leute so über Jesus redeten. Auf ihre Veranlassung schickten die führenden Priester einige Gerichtspolizisten aus, die ihn verhaften sollten. Die Gerichtspolizisten kehrten wieder zurück. Die führenden Priester und die Pharisäer fragten sie: »Warum habt ihr ihn nicht mitgebracht?«
Die Männer antworteten: »So wie dieser Mensch hat noch keiner gesprochen.« »Ihr habt euch also auch von ihm hinters Licht führen lassen!«, sagten die Pharisäer. »Gibt es denn unter den Mitgliedern des Rates oder den Pharisäern einen Einzigen, der seinen Anspruch ernst nimmt? Die Menge tut es. Sie kennt Gottes Gesetz nicht und steht deshalb unter seinem Fluch.« Da sagte Nikodemus, der selbst Pharisäer und Ratsmitglied war und der Jesus früher einmal aufgesucht hatte: »Ist es nach unserem Gesetz möglich, einen Menschen zu verurteilen, ohne dass wir ihn verhört haben? Erst muss doch festgestellt werden, ob er sich strafbar gemacht hat.« »Du kommst anscheinend auch aus Galiläa«, erwiderten sie. »Lies die Heiligen Schriften genauer, dann wirst du sehen, dass der erwartete Prophet nicht aus Galiläa kommt.«

Die einflussreichen Hüter des rechten Glaubens wollten Jesus schon nach der Heilung des Gelähmten am Sabbat aus dem Weg räumen. In Jesu Anspruch, in der Vollmacht Gottes zu handeln und zu reden, sahen sie Anmaßung und Gotteslästerung. Sie hielten ihn für einen Volksverführer, der sogar den Gerichtspolizisten den Kopf verdrehte. Und wie eine rhetorische Frage wirkt es, dass sie nach einem in ihren Reihen suchen, der Jesus für den Sohn Gottes hält. Umso überraschter sind sie, als Nikodemus sich outet. Er hatte Jesus schon persönlich aufgesucht und mit ihm im Geheimen geredet. Er hatte von Jesus gelernt,  Gottes Güte anzunehmen, es geschehen zu lassen, dass Gott mit seinem Geist Menschen verändert. Nun ist er mutig, nach einem fairen Prozess zu rufen, sicher in der Erwartung, dass Jesus als freier Mann aus diesem Prozess hervorgehen würde. Nikodemus verhält sich anders als die Brüder, die mit Jesus groß sein wollten, und anders als das Volk, das Angst vor Repressalien hatte. Die Kollegen nehmen es Nikodemus übel. Sie stellen ihn zu Jesus in die Ecke „Galiläa“. Er riskiert sein Ansehen. Noch einmal wird dieser geheime Christ Nikodemus auftreten, um mit Josef von Arimathäa den Leichnam Jesu einzubalsamieren.

Jesus kämpft gegen eine dreifache Mauer, die Brüder, die Menge und die Chefankläger. Er kämpft gegen Irrglauben, Kleinglauben und Unglauben. Er ruft öffentlich: Wer hat Durst? Einer von den Brüdern, die Menge, die Gegner?

Johannes 7,37-39

Am letzten Festtag, dem Höhepunkt des ganzen Festes, trat Jesus vor die Menge und rief: »Wer durstig ist, soll zu mir kommen und trinken – jeder, der mir vertraut! Denn in den Heiligen Schriften heißt es: 'Aus seinem Innern wird lebendiges Wasser strömen.'« Jesus meinte damit den Geist Gottes, den die erhalten sollten, die ihn im Glauben annehmen. Damals war der Geist noch nicht gekommen, weil Jesus noch nicht in Gottes Herrlichkeit aufgenommen war.

Haben wir Durst? Da fallen mir sehr schnell Menschen der vergangenen Tage ein, die von einem solchen Durst geredet haben. Eine Frau suchte einen neuen Sinn für ihr Leben, nachdem sie aus dem Arbeitsprozess ausgeschieden ist. Kinder sind keine da, was soll sie mit der vielen freien Zeit anfangen? Ein anderer sprach von seinem Durst nach Liebe. Die völlig unbefriedigende Beziehung will er nicht beenden in der Hoffnung, dass doch noch Liebe wächst. Wie sehr dürsten wir gerade nach Heilung angesichts unserer Schwerkranken, für die wir schon lange beten. Schauen wir uns die Tagesnachrichten an, werden wir auch an unseren Durst nach Frieden erinnert.

Jesus stillt Lebensdurst. Seine Quelle wird vom himmlischen Vater gespeist. Er öffnet die Augen für neue Aufgaben und schenkt Sinn. Er gibt Liebeszeichen von oben, die unabhängiger von menschlicher Zuneigung machen. Er ermöglicht Heilung, nicht unbedingt Gesund-Werden, aber die Bereitschaft, in seinen Willen einzuwilligen. Er öffnet den Himmel und weist auf einen Frieden, den es erst in der Ewigkeit geben wird.

Gemeinde kann eine Wüstenakazie sein. Sie senkt ihre Wurzeln tief in die Quelle Gottes und wird zur Oase für viele. Wichtig ist, den Kontakt zu den „Brüdern“, der „Menge“, den Gegnern zu halten. Sie haben Platz unter der Wüstenakazie, auch merkwürdige Pflanzen können von ihrem Wasserreservoir profitieren. Wir dürfen unsere enge Verbindung zur Quelle nicht abreißen lassen und sollten unser geistliches Leben lebendig halten. Letztlich geben die neuen Pflanzen der Wüstenakazie wieder Halt, es ist ein Geben und Nehmen.

Möge Jesu Urteil über uns einmal lauten: „Aus dieser Gemeinde strömt lebendiges Wasser“.

Cornelia Trick


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