Wer fehlt? (Apostelgeschichte 20,7-12)
Gottesdienst am 12.7.2020 in Brombach

Liebe Gemeinde,
am 13.März sind wir als Gemeindevorstand zusammengekommen. Gerade hatte uns die Nachricht ereilt, dass alle kirchlichen Präsenzveranstaltungen wegen Corona bis auf Weiteres ausgesetzt waren. Wir nahmen uns die Gemeindeliste vor und teilten auf, wer wen anruft, um ihm die Neuigkeit weiterzugeben. Niemand sollte am Sonntag vor verschlossenen Türen stehen. Nun sind vier Monate mit Videogottesdiensten vergangen. Inzwischen feiern wir auch wieder Gottesdienste in der Kirche mit eingeschränkter Personenzahl und treffen uns in kleinen Gruppen. Doch wir spüren, dass manche Plätze leer bleiben, Menschen aus dem Gemeindealltag herauszufallen drohen.

In der Apostelgeschichte wird von einem Abend in der Gemeinde in Troas erzählt, einer Stadt an der Westküste der heutigen Türkei. Auch da ging es um einen, der der Gemeinde verlorenging.

Apostelgeschichte 20,7-12
Am ersten Tag der Woche versammelten wir uns, um das Brot zu brechen. Paulus sprach zu den Versammelten. Weil er am folgenden Tag abreisen wollte, zog sich seine Rede bis Mitternacht hin. In unserem Versammlungsraum im oberen Stockwerk brannten zahlreiche Fackeln. In der Fensteröffnung saß ein junger Mann namens Eutychus. Als Paulus so lange sprach, wurde er vom Schlaf übermannt. Und er stürzte im Schlaf aus dem dritten Stock in die Tiefe. Als man ihn aufhob, war er tot. Paulus ging hinunter. Er warf sich über ihn, schlang die Arme um ihn und sagte: »Macht euch keine Sorgen, er lebt!« Paulus ging wieder hinauf.Er brach das Brot in Stücke und aß mit ihnen. Dann redete er noch lange zu den Versammelten. Schließlich brach der Tag an und Paulus machte sich auf den Weg. Der Junge aber lebte. Für die Versammelten war das eine große Ermutigung.

Die Gemeinde, einst von Paulus gegründet, war gewachsen. Man traf sich im 2.Stock eines Privathauses, saß eng beieinander, der Raum wurde von Öllampen erleuchtet, die Luft war sicher stickig. Sonntag war damals nicht arbeitsfrei, die Leute kamen erschöpft von einem anstrengenden Tag abends zum Gottesdienst zusammen. Ein junger Mann fand wohl nur noch einen Platz in einer Fensternische. Er schlief ein, fiel aus dem Fenster auf die Straße und lag tot auf der Erde. 

Es kann passieren, dass das im übertragenen Sinne heute auch geschieht. Jemand ist als Kind getauft worden, wuchs vielleicht sogar in einer Familie auf, die den Glauben im Alltag lebte. Doch er fand keinen Freund in der Gemeinde, keinen Anknüpfungspunkt. Die Gottesdienste rauschten an ihm vorbei, behandelten nicht seine Lebensthemen. Niemand fragte nach, als er sich immer mehr von der Gemeinde und dem Glauben entfernte.

Eine hat ein echtes Problem und kommt damit in eine Gemeinde. Sie findet hier keine Zuhörenden, wird nur beschwichtigt: „Kopf hoch, das wird schon wieder!“ Offenbar ist es den Leuten zu anstrengend, sie auf ihrem Weg zu begleiten. Sie sucht und findet anderswo Hilfe und verlässt den Lebensraum der Christen.

Einer wurde von Christen verletzt. Ihr Reden und ihr Handeln passten nicht zusammen. Er fühlte sich abgestoßen von ihnen und verließ nach dieser Erfahrung seine Glaubensheimat.

Und vielleicht hat sich bei einer Vierten das Herausfallen einfach so ergeben. Da kamen neue Prioritäten dazu, ein Umzug, eine neue Liebe, viel um die Ohren, der Input von Gott wurde immer leiser.

Mir fällt ein Gleichnis dazu ein, das Jesus seinen Jüngern erzählte. Da war eine Frau, die hatte 10 100€-Scheine. Einer ging verloren. Sie suchte überall im ganzen Haus, krempelte jeden Stapel um, kramte in jeder Schublade. Als sie ihn nach langem Suchen endlich fand, feierte sie mit ihren Freundinnen ein Fest. „So ist Gott“, gab Jesus mit dem Gleichnis zu verstehen, „Er weiß um seine Menschen, die er liebt. Er merkt, wenn Eine verlorengeht, warum auch immer sie nicht mehr dabei ist. Er sucht, bis er gefunden hat. (Lukas 15,8-10)

In Troas bemerkten Leute offenbar, dass am Fenster eine Lücke entstanden ist. Sie stupsten sich an: „Wo ist denn auf einmal der junge Mann, der eben noch da saß?“ Sie wurden unruhig, einer stand auf, beugte sich aus dem Fenster und sah ihn dort unten leblos liegen. Paulus bemerkte sicher von vorne die Unruhe, er unterbrach seine Predigt, lief den anderen hinterher nach unten. 

Die Gemeinde in Troas ließ sich unterbrechen. Corona ist auch so eine Unterbrechung unseres normalen Lebens. Die Geschichte von damals ermutigt uns innezuhalten und aufmerksam zu schauen, wer auf Fensterbänken nahe an der Absturzkante sitzt oder sogar schon rausgefallen ist. Im Sonntagsgottesdienst gibt es viele leere Plätze zum Abstand-Halten. Wer hat da vor Corona gesessen? Oder welcher Platz war auch schon vor Corona leer geblieben? Wen vermisse ich? Und ist es an mir, ihn anzurufen oder ihr eine Karte zu schreiben, nachzufragen, wie es ihr geht?

Auch grundsätzlicher können wir uns fragen, wer herausgefallen ist, die herangewachsenen Kinder, die ihren eigenen Glauben an Jesus nie so richtig gefunden haben? Die Freunde, die mit uns eine Zeitlang eng zusammen waren und die wir wegen vielerlei anderer Verpflichtungen aus den Augen verloren, auch im Austausch über den Glauben? Die Älteren, die selbst nicht mehr zu Gemeindeveranstaltungen kommen können und vielleicht darauf warten, dass mal jemand nach ihnen fragt, sie vermisst? 

Oder fallen uns auch ganz andere Menschen ein? Die Kollegen bei der Arbeit, die zwar selbst nie zu einer Gemeinde gehört haben, die aber eigentlich auch einen reservierten Platz bei Jesus haben? Was ist mit ihnen, so frage ich mich oft. Sollte ich mich damit abfinden, dass eben immer welche auf der Straße liegen? Das will ich nicht, möchte mir vielmehr das Vorgehen der Gemeinde in Troas zu Herzen nehmen.

Paulus legt sich mit seinem ganzen Körpergewicht auf den jungen Mann. Er gibt so sein Leben, seine Körperwärme an den jungen Mann weiter, erweckt ihn mit Gottes Hilfe zum Leben.

Vor mir entsteht ein Bild. Die Eine, die mir am Herzen liegt, auf die mich Gott aufmerksam gemacht hat, möchte ich wie Paulus im übertragenen Sinne mit meiner Liebe umfangen. Ich möchte sie nicht zurückzerren in den 2.Stock, wo sich Gemeinde trifft, und ihr womöglich noch den Arm dabei auskugeln, sondern mein Leben mit ihr teilen, ihr mit Interesse zuhören, für sie beten, sie im Auge behalten. Dass sie in Gottes Gegenwart findet, ist letztlich Gottes Sache. Er kann das nur bewirken und ihr Wärme ins Herz geben. Meine Aufgabe ist es, die Verbindung herzustellen wie ein Starterkabel, das einer leeren Batterie im Auto wieder Kraft von einem anderen Auto übermittelt. Da kommt auch der Strom nicht aus dem Starterkabel, sondern aus der anderen Batterie. So gebe ich die Wärme Gottes nur weiter, er ist die Quelle.

Der junge Mann Eutychus wurde schließlich in die Gemeinde zurückgeholt. Ein Fest wurde gefeiert, und die Gemeindeleute wurden in ihrem Glauben gestärkt: „Ja, Gott sucht und findet auch einen, der schon tot auf dem Pflaster ganz am Boden lag.“

Doch es gibt auch die andere Perspektive. Vielleicht fühle ich mich ja wie Eutychus. Der heutige Sonntag wird im Kirchenjahr als Tauferinnerung gefeiert. Er soll Christen an den Anfang ihres Weges mit Gott erinnern. Da hat Gott zu mir Ja gesagt ohne mein Zutun, ohne meine Leistungen anzusehen oder mir Prüfungsfragen zu stellen. Er hat mir versprochen, im Leben und im Sterben mit mir zu sein und mich niemals aus seiner Liebe herausfallen zu lassen. Er hat in der Taufe mein Leben mit Jesus verbunden, in seinen Tod bin ich getauft worden, um mit ihm leben zu dürfen bis in Ewigkeit. Jesus wird Boten und Botinnen wie damals den Paulus hinter mir herschicken, die mich mit Gottes Liebe und Wärme umfangen und mit Gott in Kontakt halten. An dieses Versprechen Gottes darf ich mich heute erinnern: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du gehörst zu mir!“ (Jesaja 43,1).

Mag sein, dass es nicht unbedingt die Boten und Botinnen aus meiner Herkunftsgemeinde sind, die mir nachgehen. Vielleicht sind es Passanten, die mich finden und zu sich in eine andere Hausgemeinde mitnehmen, wo ich ganz neu erleben kann gesehen, gebraucht und geliebt zu sein.

Vielleicht führen mich die Boten und Botinnen, die Zeichen, die Jesus mir gibt, auch zu einer neuen Aufgabe. Ich sollte eventuell meinen Fensterplatz aufgeben, näher ins Zentrum rücken. Da warten Herausforderungen Gottes auf mich, die mich nicht schläfrig sein lassen. Ich bin auf einmal mittendrin dabei, als Mitarbeiterin, als Wegbegleiter für andere, als einer, der nun die Fensterplätze selbst im Auge behält, dass keiner herausfällt.

Corona öffnet die Horizonte. Internet- und Fernsehgemeinden entstehen, neue Wege tun sich auf, um mit Gott in Kontakt zu kommen und zu bleiben. Auch wenn sich gerade unsere Gemeindearbeit verändert, wir nicht die Möglichkeit haben, große Gemeinschaftstreffen zu veranstalten, so sucht Gott weiter nach seinen Menschen. Was wir tun können, die Fensternischen im Blick zu haben, der Person nachzugehen, die wir vermissen, und im Alltag den Blick offenzuhalten für die Herausgefallenen. Wir können ihnen Wegbegleiter sein, die sie mit Gottes Liebe in Berührung bringen. 

Und wenn wir uns selbst eher als herausgefallen empfinden, dann besteht Hoffnung, es wird ein Bote Gottes kommen und uns als Starterkabel wieder an die Kraftquelle des Lebens anschließen, das hat Gott versprochen, und daran erinnert uns die Taufe, egal wie lange sie schon zurückliegt.

Und nun spricht der HERR, der dich geschaffen hat und dich gemacht hat: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“ (Jesaja 43,1)

Cornelia Trick


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