Und führe uns nicht in Versuchung (Matthäus 6,13a)
Gottesdienst am 22.10.2017 in Brombach

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
als Urlaub hatten wir eine Bergwoche in den Alpen mit Bergführer und Vollverpflegung gebucht. Da es im Hochgebirge ja keine Pommes-Buden gibt, wurde uns am Anfang der Tour vom Bergführer ein Stoffbeutel in die Hand gedrückt. Darin waren harte Würste, ein festes Käsestück, ein paar Schokoriegel und ein Roggenbrot. Damit würden wir unterwegs überleben. 

Diese Bergwoche ist ein gutes Bild für einen Menschen, der zu Jesus gefunden und sein Leben ihm anvertraut hat. Nun ist er in den Bergen des Lebens nicht mehr allein unterwegs, sondern hat einen Bergführer bei sich, der ihm helfen wird, auf Kurs zu bleiben. Der Stoffbeutel mit Verpflegung steht für die Erfüllung der Bitten des Vaterunsers um Brot und Vergebung. Beides ist völlig ausreichend für das Leben und Sterben. 

Doch auf dem Weg kann viel passieren. Dafür stehen die nächsten Bitten des Vaterunsers, sie bitten übertragen um Verpflegung unterwegs in den Hütten.

Matthäus 6,13a
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.

Schauen wir auf die Anfänge der christlichen Gemeinden, wie sie in der Apostelgeschichte dargestellt werden, sehen wir zuerst noch eine heile Welt. Die ersten Christen glaubten mit ganzem, ungeteiltem Herzen. Sie teilten ihren Besitz, Geld war für sie nicht mehr wichtig. Sie erlebten Zeichen und Wunder, viele Neue kamen dazu. Aber schon ganz am Anfang gab es durchaus Irritationen. In Apostelgeschichte 5,1-11 lesen wir von dem Ehepaar Ananias und Saphira, die vorgaben, den Erlös eines Ackers komplett der Gemeinde zu stiften, dann aber ihrer Lüge überführt wurden und ganz plötzlich starben, als wäre es ein Gottesgericht über sie. Statt sich zu retten durch eigene Sicherung, starben sie.

Was hat dieses Paar angetrieben, die Gemeinde und damit Gott selbst zu belügen? Welche Versuchung war es, die sich in ihrem Herzen breit gemacht hatte? Wir wissen es nicht, vielleicht die Versuchung, das Leben doch lieber selber im Griff zu behalten. Vielleicht auch die, vor anderen als Superchristen da zu stehen, die alles für Jesus aufgeben.

Die Versuchung, so lernen wir es hier, kommt viel eher von innen als von außen. Während inhaftierte Apostel die Gemeinde nur enger zusammenbrachten, wirkte die Versuchung von innen wie ein Spaltpilz, der zerstörte.

Nicht einfach ist es, diese Bitte zu verstehen. Es hört sich ja so an, als hätte Gott das Hobby, seine Leute in Versuchung zu führen. Und wir bitten ihn, dieses Hobby aufzugeben. Dahinter steht ein Bild von Gott, der als gefährlicher und unberechenbarer Herrscher seine Untergebenen quält. Doch so wird Gott in der Geschichte Israels, von den Propheten und von Jesus nicht beschrieben. Da heißt es vielmehr, Gott ist reich an Erbarmen, er ist die Liebe und vergibt. Er ist der gute Hirte, der seine Herde zu saftigen Wiesen führt. 

Gott, so stellt es die Bibel übereinstimmend fest, führt auf dem Lebensweg. Doch auf dem Weg begegnen Versuchungen. Die kommen nicht von Gott, sondern sie sind einfach da. Gott führte Jesus 40 Tage in die Wüste (Matthäus 4,1-11). Es sollte eine Gebetszeit sein, in der Jesus sich auf seinen Auftrag besinnen und vorbereiten konnte. In der Wüste, so wird es beschrieben, wartete der Teufel auf Jesus. Dem ausgehungerten Mann empfahl er durchaus logisch, Steine in ein ordentliches Frühstück zu verwandeln und den zehrenden Hunger zu stillen. Dem Zimmermannssohn aus Nazareth versprach er die große Bühne nach einem Sprung vom Dach des Tempels. Folgerichtig war die Empfehlung, denn Jesus brauchte ja Werbung, damit Leute ihn überhaupt wahrnahmen. Und einem, der von sich wusste, dass er der Messias war, die Reiche der Welt anzubieten, scheint auch durchaus nachvollziehbar zu sein. Der Teufel begegnete Jesus nicht abschreckend und angsteinflössend, sondern doch eher wie ein willkommener Management-Berater, der richtige Dinge sagte. Doch Jesus erkannte die Versuchung und wehrte sie ab. Er verwies auf Gottes Wort und auf Gottes Nähe zu ihm, die alle anderen Vorschläge überflüssig machten.

Wie bei Jesus setzen die Versuchungen am sicheren Kern des Lebens an. Nicht umsonst begegnen sie uns besonders beim Thema Treue, in Beziehungen und auch in der Gottesbeziehung. Wir werden versucht zum Ehebruch und Gott zu verlassen. Versuchungen zerren an uns und reißen uns buchstäblich aus sicheren Händen fort. Von Jesus in der Wüste können wir lernen, wie wir uns dagegen wappnen, durch einen starken Glauben und durch das Gebet.

Sprechen wir die Vaterunser-Bitte in diesem Kontext, könnte sie so lauten:
„Lass uns auf unserem Weg nicht in Versuchung geraten. Wir sind schwach und vielleicht nicht fähig zum Widerstehen. Hilf uns, versuchliche Situationen zu meiden. Gib uns ein Wissen um unseren Wert bei dir, damit wir den teuflischen Stimmen nicht gehorchen müssen, die uns zuflüstern: „Mehr Macht, mehr Einfluss, mehr Beliebtheit.“

Auch der zweite Teil des Satzes, die nächste Vaterunser-Bitte stellt uns vor Fragen. Soll Gott uns von einem unpersönlichen Bösen oder von einem bösen Gegenüber erlösen? Ist das Böse eine Sache oder eine Person?

Für die Sache spricht unsere Lebenserfahrung. Wie oft befinden wir uns in strukturellem Bösem. Ein Freund von uns ist unverschuldet Opfer in einem Verkehrsunfall geworden. Lange konnte er nicht arbeiten, das Krankengeld reichte nicht, sein Haus stand zur Disposition, die Bank wollte nicht länger stillhalten, die Schulden drückten. Er lief von A nach B und wurde weiter zu C geschickt, wo ihm gesagt wurde, er soll es doch bei A probieren. Niemand der beteiligten Angestellten bei den Versicherungen, beim Gericht, bei den Banken wollte dem Mann etwas Böses, im Gegenteil, sie hatten größtes Verständnis. Aber ihre Vorschriften ließen sie so agieren. Das Böse war keine Person, sondern die Struktur, die eben einen von Tausend auf dem falschen Fuß erwischt hatte. 

Doch das Böse heftet sich auch an ganz konkrete Menschen und wird in ihnen lebendig. Wir können alle zu Wirtszellen des Bösen, von ihm instrumentalisiert werden. Ein Beispiel hierfür könnte sein, wenn wir von unserem Zorn bestimmt werden. Und wenn wir es hinterher merken, sagen wir: „Ich hab es doch gar nicht gewollt. Es tut mir so leid, ich weiß gar nicht, wie mir das so passieren konnte.“ So sind wir in der Gefahr, für andere zu Bösen zu werden, aber erleben es auch selbst, wie böse Menschen sich uns in den Weg stellen, uns das Leben buchstäblich zur Hölle machen können. 

Woher das Böse und der Böse kommen, wissen wir nicht. Die Bibel schweigt sich aus, warum Gott es zulässt. Im Schöpfungsbericht wird es vorausgesetzt, wir brauchen uns also nicht das Hirn zu zermartern. Was wir wissen sollen, ist jedoch, dass Gott stärker ist als das Böse. Alles Böse kann von ihm begrenzt und in Schranken gehalten werden. Am Ende der Zeiten wird er das Böse wegnehmen, dann wird alles Leid ein Ende haben.

Die Bitte um Erlösung von dem Bösen bedeutet, dass Rettung für alle, die Versuchungen erlegen sind, möglich ist. Ihr Glaube war vielleicht nicht stark genug, ihre Gottesbeziehung zu brüchig. Das Böse konnte nach ihnen greifen. Aber sie können rufen wie ein Schaf, das sich verirrt hat, und Gott wird hören.  Rettung ist auch für alle möglich, die vom Bösen attackiert werden. Gott begrenzt das Böse, er siegt darüber. Seine Kraft ist stärker.

Die Rettung beginnt mit der Einsicht, dass ich Hilfe brauche. Helfen können mir die Schwestern und Brüder in der Gemeinde, die für mich beten, wie Jesus es für Petrus getan hat (Lukas 22,31f). Der erste Schritt zur Rettung ist oft der wichtigste, ein Anruf als Hilferuf, ein Bekenntnis, dass man gestrauchelt ist, Ehrlichkeit, dass man sich in einer Not befindet, aus der man nur noch mit Gottes Hilfe herauskommen kann. Rettung ist oft eine längerwierige Angelegenheit und geht nicht von jetzt auf gleich. Gott gibt uns Zeichen seiner Gegenwart wie Kreidestriche an Hausecken, dass wir gewiss werden, er ist weiter mit uns unterwegs.

Wer erlebt hat, von Bösem befreit zu werden, kann selbst Weggefährte für andere werden. Jesus sagte zu Petrus (Lukas 22,32): „Ich habe gebetet, dass dein Glaube nicht aufhört. Wenn du umkehrst, dann stärke deine Brüder!“ Das sagt er auch uns zu, dass er für uns einsteht vor Gott und dass er uns anleitet, selbst andere zu unterstützen auf dem Weg in die Freiheit.

Wir haben von Gott einen Stoffbeutel bekommen: Brot und Vergebung genug. Doch unterwegs locken Stimmen, den Weg mit Gott zu verlassen. Was uns hilft, ist eine starke Beziehung zu Gott wie zu einem Freund, der beste Abwehrschutz gegen Böses aller Art.

Cornelia Trick


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